Klangschwere mit Karlsplatz und Lower East Side

23. September 2002, 20:00
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Das Wiener Musik-Galerie-Festival "Tonfolgen - Soundportraits"

Wien - Die Fenstertüre war nur einen Spaltbreit geöffnet, aber das genügte schon. Drang doch durch jene Ritze im gläsernen "Project Space" der Kunsthalle am Karlsplatz nicht nur kühlende Abendluft ins Innere, sondern lugte so an diesem vom Verkehr umspülten Ort auch die Stadt selbst in ihrer abendlichen Klangkulisse herein. Um sich in Gestalt eines Folgetonhorns in die hochkomplexen Patternkonstruktionen einzuklinken, in denen die Postminimalisten von Icebreaker erneut die Vitalität dieser im deutschsprachigen Raum unterrepräsentierten Musik demonstrierten.

Oder um sich in Peter Herberts elaborierten Rekontextualisierungen jener Klänge und Gesprächsfetzen, die er selbst in den Straßen New Yorks aufgenommen hatte, gleichsam dialogisch ins Spiel zu bringen: Karlsplatz trifft Lower East Side. Als wäre er Teil der Dramaturgie, stand jener zufällige Konnex zur Außenwelt symbolisch für die Offenheit, mit der die Wiener Musik-Galerie in den vergangenen 20 Jahren auch international Akzente gesetzt hatte.

Im Rahmen der festivalen Anniversariumsfeier wurden einige der vom Duo Ingrid Karl/Franz Koglmann aufs Diskurs-Tapet gehievten Themen resümiert - angefangen bei der freien Improvisation: Hier übten sich Trompeter Bill Dixon und Saxofonist Evan Parker in ihrem allerersten (!) Zusammentreffen 45 Minuten lang - gemäß dem Postulat der Vermeidung aller interaktiver Stereotypien und idiomatischer Anklänge - nicht wirklich erfolgreich in der Praxis des Sich-suchen-aber-nicht-finden-Dürfens.

Andere hingegen setzen darauf, sich produktiv an der Geschichte zu reiben: Peter Herberts Billie-Holiday-Projekt bedeutete die spannungsvolle, von expressionistischen bis seriellen Assoziationen durchzogene Kammermusik-Rekomposition altbekannter Songs zwischen Gloomy Sunday und Gershwins Porgy, auch wenn es Christine Tobin (naturgemäß) schwer fiel, im vokalen Part eigenes Profil erkennen zu lassen.

Posaunist Mike Swoboda versuchte sich an Richard Wagner, setzte dem Pathos seiner Ouvertüren sowie jenem von Nietzsche- und Marinetti-Zitaten heitere, präzise kompositorische Eklektizismen entgegen. Auch Franz Koglmann selbst reihte sich in diesem Kontext ein, tunkte Ellington und Johann Strauß tief in die bekannt unnachahmliche "Mellowness", die dunkle, mürbe Klang-Schwere seines Monoblue Quartet.

Skuli Sverissons filigrane orchestrale Drones aus dem Laptop bedeuteten indes jenen viel versprechenden Spalt, jene Fenstertüre im Programm, durch die die Sounds des Heutigen hereinwehten. Die Musik-Galerie ist auch nach 20 Jahren noch gewillt, Schritt zu halten. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2002)

Von Andreas Felber
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