Klingende Namen, volle Kasse

25. September 2002, 19:55
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Wieso viele Hollywood-Stars neuerdings auf Londons West-End-Bühnen spielen

Seit einigen Jahren, vor allem seit Nicole Kidman, spielen Stars für einen Bruchteil ihrer Hollywood-Gagen live an Bühnen des Londoner West End. Und sie bringen wieder sehr junges Publikum in die Theater.


London - Kyle MacLachlan, Matt Damon, Woody Harrelson, Nicole Kidman, Kevin Spacey, Glen Close oder Jude Law. Klingende Namen aus Hollywood, präsent in Filmen von Stanley Kubrick, David Lynch oder Oliver Stone. Im Londoner West End, dem Theaterviertel mit Musicalbühnen und größtenteils durchaus seriösen Theatern, spielen diese Stars - deutlich unter einer Hollywood-Gage, manchmal sogar nur vor 250 Leuten. Wieso tun sie das?

250 Plätze besitzt das Donmar Warehouse - ein Theater, das 1989 vom Zusperren bedroht war und von dem damals 24-jährigen Sam Mendes übernommen wurde: 1998 engagierte er Nicole Kidman für das Stück The Blue Room; 1999 erhielt er die "Kleinigkeit" von einem Oscar für die Regie von American Beauty. Er will nun höchstwahrscheinlich ein anderes Theater übernehmen. Derzeit laufen seine Abschiedsvorstellungen: so der von der Kritik hoch gelobte Ivanov und auch Twelfth Night, u.a. mit Emily Watson.

In einem Interview mit The Times nennt Sam Mendes die Produktionsdauer als Grund für die Theaterattraktivität: Ein Stück stehe in zwei Monaten, beim Film sei man zwei Jahre eingespannt. Außerdem kommen die meisten Schauspieler von der Bühne zum Film. Wenn sie dort nicht mehr so angesagt sind, besinnten sie sich dann wieder auf ihre Wurzeln. Maggie Webster, Pressesprecherin der ATG (The Ambassador Theatre Group) - eines Verbandes von 20 britischen Theatern -, weiß, dass sich die Produzenten über die Beweggründe, mit Stars zu locken, nicht gerne auslassen. Doch die Berühmtheiten der vergangenen Jahre sind im Gegensatz zu verblühten Größen von einst jung und erfolgreich. Und sie schaffen es, die Zuschauerräume - sonst belegt mit einer Klientel, angesiedelt zwischen vorstädtischer Bridgepartie und Altersheim - mit jungem Publikum zu füllen. Paradestück dabei war This is Our Youth mit Matt Damon.

Hollywoodstars auf Londoner wie auch auf Broadway-Bühnen hat es zuweilen schon gegeben, aber die Häufung in letzter Zeit ist evident: Sogar Madonna schnuppert Bühnenluft - in Up for Grabs von David Williams. Vor kurzem hatte On An Average Day am Comedy Theatre Premiere - ein eher durchschnittliches Stück eines Off-Broadway-Autors, ein Zwei-Mann-Stück aber, das letztlich wegen seiner Hollywoodstars ausgebucht ist. Twin Peaks-Kommissar Dale Cooper, Kyle MacLachlan und der manisch-depressive Natural Born Killer- und Larry Flint-Mime Woody Harrelson liefern da als Brüder Familiengeschichte-Aufarbeitung.

Foto:  REUTERS/Kieran Doherty
Woody Harrelson und Kyle MacLachlan "an einem durchschnittlichen Tag"

Harrelson führt im ersten Teil praktisch einen manischen Monolog, es wird ohne Unterlass gequatscht, was das Zeug hält, sogar gekämpft. Keine Zeit für sparsames wie intensives Agieren jenseits der Worte. Zuweilen fragt sich das Publikum, warum der fesche "Mister Twin Peaks" jetzt so furchtbar graue Haare hat - doch nur wegen der Rolle des älteren Bruders? Egal.

Aber es gibt auch andere Modelle: Zur ATG-Gruppe gehört neben dem Donmar und dem Comedy auch The Young Vic. In einem Joint Venture mit der Theater-/Medien-Gruppe Natural Nylon - mit Ewan McGregor (Trainspotting), Jude Law, Sadie Frost u. a. - bekam ATG auch diese Stars auf die Bühne, etwa Law für Doctor Faustus.

Klingende Namen, volle Kassen - eine Art celebrity spotting (Berühmheiten-Glotzen) mit Kunstanspruch? Sicher auch. Für die Schauspieler, die am Theater ihre Kunst unter ihrer eigenen Kontrolle haben können, bringt die Bühnenpräsenz dennoch große street credibility, wenn sie wieder zum Film zurückkehren. Gwyneth Paltrow beehrt auch das Donmar - Regie führt John Madden, mit dem sie Shakespeare in Love gedreht hat. Wird sie auch für so wenig spielen wie Nicole Kidman, die für den Blockbuster Peacemaker rund vier Millionen Pfund einstreifte, aber für Blue Room rund 250 Pfund in der Woche?

Marlon Brando wollte übrigens nie auf die Bühne, er "hasst schauspielen". Warum er dann den Kurs gegangen sei, wurde er gefragt. "Um Mädchen aufzureißen." (DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2002)

Von Doris Krumpl
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    Nicole K., Trendsetterin

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