Die Schulstunde als Einübung ins Leben

23. September 2002, 20:07
posten

Annie Girardot triumphiert als schulmeisterlicher Gaststar in Vienna's English Theatre

Wien - So einfach kann Theater sein: Man kann einen guten Tisch mit einem schlechten Schauspieler kombinieren, oder einen guten Schauspieler mit einem schlechten Tisch. Oder, wie jetzt (bis zum 28. September) im Vienna's English Theatre, einen schlechten Bürotisch, eine Schultafel und einen französischen Weltstar: Annie Girardot steht dort oben, sonst niemand, abgesehen von einem Skelett, das sofort an Schulstunden erinnert, weil dort die Skelette bedauerlicherweise auch immer bloß aus Kunststoff sind.

Annie Girardot hält als "Madame Marguerite" im gleichnamigen Monodrama des Brasilianers Roberto Athayde eine Schulstunde ab (Regie: Jean-Luc Moreau). Oh, so gefürchtet haben wir uns seit den eigenen Schultagen nicht mehr! Girardot, gekleidet in die für manche Lehrerinnen nicht untypische geblümte Hose, diktiert von Anbeginn weg: "Aufstehen!" - Niemand rührt sich. Strenger Blick der Madame: Und die dem Schulalter schon seit längerem entwachsenen Theaterbesucher stehen zitternd auf. "Setzen!". Und das alles auch noch auf Französisch.

Girardot ist ein Ungeheuer. Viele LehrerInnen auch. Das weiß sie, schließlich hat sie das französische Schulsystem, inklusive Schauspielschule (in den 50er-Jahren, bei Henri Bosc), überlebt. Sie spielt das Schulungeheuer, aber sie spielt es, wie ein momentan im Hauptschulsystem steckender kleiner Begleiter mir zuflüsterte, "sehr natürlich". - "Heute nehmen wir das Dividieren durch", so Girardot, die rechte Hand wie einen Schlagstock ausstreckend, den Mund sadistisch verziehend. "Angenommen, in dieser Klasse" - das sind wir! - "gibt es zwölf Bananen für fünfundreißig Flaschen von Schülern. Wie viele bekommt jeder?" - Man hört das Tippen von Taschenrechnern, aber die Lösung ist anders: "Das Maul des Gefräßigsten wird sich mit sieben oder acht Bananen voll stopfen. Ein Zweiter frisst den Rest; und die dreiunddreißig anderen sperren ihren Mund auf."

Ja: Für das Leben, nicht für die Schule, lernen wir. Insofern ist es ein belehrender Abend, wenn auch die Bildung nur unter Furcht und Zittern zu haben ist (in der Nacht träumte ich übrigens von Girardots Zähnen). Während Madame Marguerite in der Pause an ihrem Bürotisch Zigaretten raucht - auch dazu passt das zerfurchte Gesicht der Girardot -, bleibt nur knapp Zeit, unter der Theaterbank heimlich die Filme zu zählen, in denen Annie Girardot gespielt hat: Es sind weit über hundert, darunter Smog von Franco Rossi (1961) und vieles unter Claude Lelouch (Les Misérables, 1996); zuletzt war sie die Mutter in Michael Hanekes Jelinek-Verfilmung (Die Klavierspielerin). Zum Glück ist sie nie Lehrerin geworden. Diese Rolle haben ja auch schon allzu viele andere übernommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2002)

Von
Richard Reichensperger

Link

englishtheatre.at
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Annie Girardot bei einer Pressekonferenz anlässlich ihres Gastspieles 'Madame Marguerite' im Vienna's English Theatre

Share if you care.