Per Narrenschiff in einen anderen Raum

23. September 2002, 21:23
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Ein Roadmovie auf Wasserwegen: "Donau", der neue Film von Goran Rebic - Ein Bericht von den Dreharbeiten in Rumänien

Ein Roadmovie auf Wasserwegen: "Donau", der neue Film des österreichischen Regisseurs Goran Rebic, soll eine zusammengewürfelte Gruppe von Passagieren auf der Fahrt in eine veränderte Heimat begleiten.
Dominik Kamalzadeh berichtet von den Dreharbeiten in Rumänien.


Sulina - Am Kai stapeln sich Wassermelonen zu Pyramiden. Die "Carpati", vor wenigen Jahren noch eine der Yachten Ceau¸sescus, hat ihr letztes Ziel erreicht: Sulina, eine kleine rumänische Stadt im Donaudelta. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer, bis der Strom in die braune Suppe mündet, die Schwarzes Meer heißt.

Das Schiff dient derzeit als schwimmendes Hotel für eine Filmcrew - die Kabine, die einst dem Diktator vorbehalten war, wird vom deutschen Schauspieler Otto Sander bewohnt, im Gemach von Ceau¸sescus Frau schläft sein junger Kollege Robert Stadlober (Sonnenallee, Crazy).

Foto: Pedro Domenigg
Eine Art von Vater-Sohn-Konflikt: Otto Sander als mürrischer Kapitän und Robert Stadlober als sein Passagier in (und auf der) "Donau"

Sander hat heute drehfrei und sitzt bereits im Café bei einem ersten Bier auf festem Boden. Morgen steht dafür seine Sterbeszene auf dem Programm - auf der "Donau", dem Schiff, das er im Film als mürrischer Kapitän anführt, wird er tot zusammenbrechen, ganz so wie es sich für einen Kapitän auch gehört. Stadl-ober muss hingegen heute schon aufs Set. Auch für ihn sind es die letzten Szenen, seine Figur Bruno wird im Kreise einer rumänischen Familie aufgenommen und damit als Letzter der Besatzung an Land gehen.

Es handelt sich nur um eine kleine Szene, aber es gilt, alle Bewegungsabläufe genau zu synchronisieren. Das kann dauern. Zwei Buben traben von rechts mit einem Pferdewagen an, von links taucht ein Fahrrad auf, dazu schnattern (keineswegs filmerfahrene) Gänse im Hintergrund. Weiter vorne bügelt ein Rumäne ein Boot mit Teer. Er bügelt permanent und unbeirrt, auch wenn die Kamera gerade nicht läuft. Stadlober muss durch all diese Hindernisse hindurch, mit staunendem Blick, sieht er doch die Gegend durch die Augen Brunos das erste Mal.

Man ist hier am Set nicht der einzige Gast, der im Weg steht. Mehrere schaulustige Dorfbewohner, von Kindern bis zu Großeltern, die eigens einen Sessel angeschleppt haben, säumen das Geschehen. Wer zu nahe tritt, setzt eine Befehlskette in Gang. Sie beginnt beim Regieassistenten und endet bei der Übersetzerin. Das zeichnet Filmdreharbeiten aus: ein organisiertes Team, dessen Mitglieder in diesem Fall besonders vertraut miteinander umgehen, schließlich ist man schon seit Wochen auf der Donau unterwegs - mit der "Carpati" durch mehrere Länder gefahren.

Donau heißt der Film, der hier entsteht - produziert von Lotus Film gemeinsam mit Wega Film. Regie führt Goran Rebic, der nach Jugofilm und The Punishment seine Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte Osteuropas weiterführt. In Jugofilm erzählte er von den Auswirkungen des Jugoslawien-Krieges auf eine Einwandererfamilie in Wien, mit dem Dokumentarfilm The Punishment nahm er selbst einen Lokalaugenschein in Serbien nach dem Nato-Einsatz vor.

Donau ist hingegen ein Film über die Zeit nach dem Krieg: "Die Behandlung des kranken Körpers Jugoslawien", so Rebic, "ist ja jetzt vorüber. Die Donau ist für mich ein Symbol dafür - sie ist eine Art Lebensader, die während des Krieges durchtrennt war. Die Reise und damit der Film waren erst möglich, als diese Ader wieder pulsierte."

Bilder im Fluss

Donau wird eine Art Roadmovie auf Wasserwegen. Ähnlich wie in Stanley Kramers Das Narrenschiff trifft sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen auf einem Schiff - die meisten von ihnen stammen aus dem Osten, aber auch eine schwarze drogenabhängige Übersetzerin ist darunter: Die bisher als TV-Moderatorin tätige Annabelle Mandeng gibt mit dieser Rolle ihr Spielfilmdebüt. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis des Kapitäns zum jungen Bruno, eine Form von Vater-Sohn-Konflikt.

Der Weg des Schiffes verläuft gegenläufig zu den Migrationsbewegungen in den Westen, die Passagiere "flüchten" zurück in eine veränderte, oftmals versehrte Heimat. Den Osten versteht Rebic dabei als "einen anderen Raum", man "überschreitet eine Grenze, wo dann auch die Donau wilder, ungebändigter wird. Auch die Länder hier sind chaotischer, verlassen sich mehr auf Improvisation."

Foto: Pedro Domenigg
Der Regisseur am Steuer: Goran Rebic an Bord des Schiffes, das so heißt wie sein Film und der Fluss, der die Erzählung bis zum Schwarzen Meer führt

Rebic entschied sich dafür, den Film mit Handkamera (geführt von Jerzy Palacz, der schon früher mit Rebic gearbeitet hat) zu drehen, was den Bildern - analog zum Wasser - etwas Fließendes verleihen soll. Zumindest dem Drehbuch nach kommt es auch öfters zu traumähnlichen Momenten, zu Begegnungen mit rituellen Abläufen oder zu ausgelassenen Festen.

Zufälle und glückliche Fügungen begleiten den Dreh von Donau von Beginn an: Zuerst kam man dem Hochwasser in Ostösterreich zuvor; dann stellte sich heraus, dass Otto Sander früher einmal tatsächlich Kapitän werden wollte. Schließlich wurden belichtete Filmrollen gestohlen, aber der Dieb wusste nichts damit anzufangen - auf einem Maisfeld hat man sie also wieder gefunden.

So viel Glück war dem Besucher am Ende dann nicht vergönnt: Von der lang erwarteten Sterbeszene Otto Sanders sah man nur mehr die Vorbereitungen und statt des Drehs die Donau in der Nacht, bereits auf der Rückfahrt. Als Außenstehender war es schwierig, die Ursache für die Verzögerungen auszukundschaften. Anders gesehen gibt es jetzt aber einen Grund mehr, auf den fertigen Film neugierig zu sein.(DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2002)

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