Fairness - eine Frage der Perspektive

23. September 2002, 18:03
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Per Inserat wird der politische Gegner gepiesackt - doch alle schwören, sauber zu bleiben

Ein beliebtes Spiel für Kinder, die gerade lesen lernen, lautet: Welche Wörter stecken in einem anderen Wort? Die SPÖ übernimmt in ihrem neuesten Wahlinserat die Sucharbeit und liefert auf die Frage "Was ist Dr. Schüssels Lieblingswort?" gleich die Antwort mit: "Ich" - und zwar am Exempel des Wortes "Österreich".

Das fand VP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat am Montag gar nicht witzig und zeigte der SPÖ für ihr "persönlich diffamierendes" Sujet am Montag quasi die Gelbe Karte: "Das ist nicht die Fairness, die ich mir im Wahlkampf erwarte." Das geschmacklose Inserat - "noch dazu unter Gebrauch des Wortes Österreich" - ziele eindeutig "unter die Gürtellinie".

Ins Schwarze

Die SPÖ habe offenbar an einem Fairnessabkommen, das letzte Woche zwischen Parteienvertretern ausverhandelt werden sollte, kein Interesse. Dass die FPÖ beim Treffen zu diesem Thema nicht dabei war, erklärte Rauch-Kallat mit parteiinternen Notwendigkeiten nach dem Rücktritt von Klubchef Peter Westenthaler. Zur Aufregung bei der ÖVP über das von der SPÖ geschaltete Inserat erklärte deren Bundesgeschäftsführerin Doris Bures: "Die Empörung von Rauch-Kallat ist mehr als verwunderlich, weil doch ganz Österreich weiß, dass für den machthungrigen Kanzler Schüssel das wichtigste Wort ,ich‘ ist."

Conny Zoppoth, Pressesprecherin von SP-Chef Alfred Gusenbauer, sieht überhaupt keinen Grund für eine Entschuldigung. Im Gegenteil: "Das war erst der Anfang", sagt sie. Der Vorschlag für das Inserat sei von der Agentur gekommen, „aber es hat uns allen gut gefallen. Logisch, dass sich die ÖVP aufregt. Der Bundeskanzler äußert sich nicht zu den wichtigen Fragen, die das Land betreffen. Aber da kommt noch einiges mehr." Zoppoth kündigt an, dass man in der SPÖ sehr kreativ sein werde, was weitere Werbesujets betrifft. Wenn sich die ÖVP darüber ärgere, umso besser, "dann haben wir ins Schwarze getroffen"

Die Schwarzen selbst haben allerdings bereits ihrerseits in die Trickkiste gegriffen und - eigentlich verwunderlich - als Erstes den Koalitionspartner FPÖ auf die Schaufel genommen. Inseriert wurde nämlich ein "Gratis-Notruf für verzweifelte FPÖ-Mitglieder". Garniert war das mit netten Songtiteln, etwa "It’s all over now, Baby Blue". Geschaltet hat übrigens nicht die Bundespartei, sondern die ÖVP Niederösterreich. Ansonsten hält man in der ÖVP-Parteizentrale den jetzigen Zeitpunkt noch für zu verfrüht, um das ganze Pulver zu verschießen. Sprich: Die richtigen Leuchtraketen sollen erst knapp vor der Wahl gezündet werden. Es werde noch "Überraschungen" geben, "wir sind voll in der Planung", heißt es kryptisch. Gerüchteweise wird es Gags geben, die ebenfalls auf den gegnerischen Spitzen- und Kanzlerkandidaten Gusenbauer zielen. Wie immer wird auch ein Personenkomitee für die ÖVP werben, außerdem will man noch für punktuelle Überraschungen auf den Nationalratswahllisten sorgen. Gleichzeitig wird ein inhaltliches Programm erarbeitet, das Interessierte auf Anfrage erhalten.

Staatstragend

Bereits wenige Tage nach Koalitionsbruch hat Wolfgang Schüssel die Österreicher auf Bundeskanzler-Papier wissen lassen, warum er sich für Neuwahlen entschlossen und welch "gute Arbeit" die Regierung bereits geleistet hat - das Inserat empörte damals die Opposition.

"Wir wollen über uns sprechen, unsere Inhalte darlegen, erklärt Bundesgeschäftsführer Franz Floss. Bei den Inseraten könne man sehr rasch auf neue Gegebenheiten reagieren. Wie er die Schaltungen der anderen Parteien findet? Floss: "Ich will das nicht kommentieren. Jede Partei soll machen, was sie will, es muss aber fair bleiben." Und im Nachsatz: "Die ,Bundeskanzler‘-Inseratenserie von VP-Obmann Schüssel war es nicht." (nim, mon, pm, völ/DER STANDARD; Printausgabe, 24.9.2002)

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derStandard.at/Politik

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