Drei Stimmen über den Durst

23. September 2002, 17:29
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Eine rauschende rotgrüne Wahlnacht

18.00 Uhr Die ersten Prognosen werden verkündet: Laut ZDF und n-tv ist Rot-Grün knapp möglich. Verhaltene Freude bei der SPD, Jubel bei den Grünen.

  • 18.03 Uhr Der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit in der SPD-Zentrale meint: "Ich hoffe, es reicht." SPD-Fraktionschef Ludwig Stiegler wagt als erster die Prognose: "Gerhard Schröder bleibt Bundeskanzler und Joschka Fischer bleibt Außenminister."

  • 18.35 Uhr Als erste Parteivorsitzende treten jene der Grünen auf. Chefin Claudia Roth ruft der jubelnden Menge zu: "Jetzt heißt es Daumendrücken, damit es auch für Rot-Grün reicht."

  • 18.37 Uhr In der SPD-Zentrale meint Generalsekretär Franz Müntefering: "Mehrheit ist Mehrheit, und wenn es eine gibt, regieren wir auch."

  • 18.40 Uhr Als erste aus der Riege der PDS-Spitzenpolitiker tritt Parteichefin Gabi Zimmer auf. "Das ist eine schwere Niederlage. Wir werden über alles reden müssen." Die Musik bei der Wahlparty wird eingestellt, Rotkäppchen-Sekt wird weiterhin ausgeschenkt.

  • 19.24 Uhr Als erstes der grünen Kabinettsmitglieder kommt Jürgen Trittin bei der Wahlparty im Tempodrom an. Seine Einschätzung: "Das wird ein spannender Abend." Kurz darauf fügt Trittin hinzu: "Ich glaube, wir können zuversichtlich sein."

  • 19.32 Uhr Frenetischer Jubel brandet in der SPD-Parteizentrale auf, als Bundeskanzler Gerhard Schröder auftritt und die Worte seines Generals aufgreift: "Mehrheit ist Mehrheit und wenn wir sie haben, werden wir sie nutzen." Die SPD habe "toll gekämpft", lobt er.

  • 19.41 Uhr Kurz nach dem Kanzler taucht auch der Vizekanzler bei seiner Partei auf. Außenminister Joschka Fischer betritt im Berliner Tempodrom die Bühne. Er meint mit düsterer Miene: "Unser Wahlziel ist, Rot-Grün mit stärkeren Grünen fortsetzen zu können."

  • 20.25 Uhr In einer ARD-Diskussion nimmt Schröder klar zur Frage Stellung, ob er sich mit den Stimmen der zwei direkt gewählten PDS-Abgeordneten zum Kanzler wählen lasse, wenn es für Rot-Grün nicht reiche. "Ich habe immer gesagt, und dabei bleibt es, ich werde keine Regierung führen, die von der PDS abhängig ist." Grünen-Chef Fritz Kuhn assistiert: "Wir werden, auch wenn es drei Stimmen über den Durst sind, diese Regierung fortsetzen."

  • 21.35 Uhr Nach der Sendung taucht Schröder um in der Parteizentrale auf und verbarrikadiert sich mit engen Vertrauten im fünften Stock - mit viel Rotwein.

  • 23.58 Uhr Die ZDF-Hochrechnung verkündet: Die SPD wird stärkste Fraktion.

  • 0.03 Uhr Die ARD zieht mit ihrer Hochrechnung nach: Rot-Grün liegt knapp vorne. Fischer reagiert als erster: "Mit der Mehrheit im Rücken wird das ein wunderbarer Montag." Bundeskanzler Schröder wird avisiert, dass der Vizekanzler im Anmarsch ist, dessen Dienstfahrzeug um 0.13 in die Tiefgarage der SPD-Parteizentrale einfährt. Schröder zieht sich mit Ehefrau Doris und Fischer in ein Büro zurück.

  • 0.42 Uhr Ein sichtlich gut gelaunter, rotgesichtiger Kanzler auf, den Außenminister am Ärmel auf ein Podium zerrend. Als erster Grünen-Politiker darf Fischer im Willy-Brandt-Haus sprechen: "Im Sieg muss man bescheiden sein." Schröder haut ihm kumpelhaft auf die Schulter.

  • 03.45 Uhr Das vorläufige Endergebnis liegt vor, auf das wegen der langwierigen Auszählung in Kassel - dem Heimatort von Finanzminister Hans Eichel - so lange gewartet werden musste: Rot-Grün kann regieren. (afs/DER STANDARD, Printausgabe, 24.9.2002)
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      Bundeskanzler Gerhard Schröder tritt in der Berliner SPD-Zentrale vor die versammelte Presse

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