Die Chefsekretärin der Pressestelle lädt ein

30. September 2002, 17:54
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"Absolut hirnrissig" zu einer Autoweihe auf den Kahlenberg zu fahren, meint A.

Manchmal kann ich A. nicht ausstehen. Und zwar dann, wenn sie recht hat. Es sei, meinte sie, “absolut hirnrissig“ zu einer Autoweihe auf den Kahlenberg zu fahren. Erstens am Sonntag. Zweitens wenn ich eh wüsste, was dort für Figuren herumlaufen. Und drittens, wegen dem Wort “Weihe“ - und allem, was dazugehört. Wir waren eingeladen. Wieder einmal. Und haben keinen blassen Schimmer, woher diese Leute unsere Adresse haben: Die Nazigruppen (die natürlich gar keine überhaupt nicht sind), die uns hin und wieder irgendwelche Fibeln und anderen Schrott nach Hause schicken sind ja technisch versiert: Ganz anonym und nicht rückverfolgbar erinnern sie einen daran, nicht zu vergessen, dass sie wissen, wo man wohnt. Im Gegensatz dazu ist die “Chefsekretärin der Pressestelle“ aber nicht nur harmlos, sondern technisch und logistisch auch ein bisserl von vorgestern. Trotzdem: Sie lädt immer wieder ein.

Alte Schreibmaschine

Die Briefe der Chefsekretärin der Pressestelle sind auf einer alten (die Buchstaben sind nicht immer in einer Linie) und manuellen (die Buchstaben sind nicht gleich stark am Papier) Schreibmaschine getippt. Mit einem hübschen, handschriftlichen Briefkopf: “Pressestelle, Chefsekretariat“. Dann ein Name. Manchmal auch noch ein Stempel (schräg, altdeutsche Schrift): “Dringend“. Darunter dann die Einladung. Liebevoll getippt. Manchmal fehlerhaft. Unterschrift Das erste Mal als die Chefsekretärin der Pressestelle - die nie dazuschreibt, wofür oder für wen sie Pressearbeit macht - einlud, landete der Brief im Altpapier. Eigentlich schade. Das zweite Mal nicht: Kaiserfest. Weil der Mann, der den ersten Weltkrieg zu beginnen geruhte, weil ihm halt nichts erspart blieb, Geburtstag habe. Gottesdienst, Kranzniederlegung. K.u. K-Uniformen: Weil man sich ja sonst nichts gönnt, ließ ich die Messe aus und ging zum Kranzabwurf. Irgendwer hatte den Kaiser rot eingefärbt. Und zuvor, erzählte ein Kollege, hätten andere das Absingen der Kaiserhymne in der Kirche verhindert: “Plötzlich erhob sich lautes Beten in mehreren Ecken“, lachte der Redakteur. Im Park wurde der rote Monarch besungen: “Gott erhalte …“ Geschenkt

Ein Geschichte-Lulu

Schon eine Woche später hatte die Chefsekretärin der Pressestelle wieder geschrieben. Sie lud zur “Befreiungsfeier auf den Kahlenberg.“ Weil ich bissi ein Geschichte-Lulu bin, rief ich diesmal an. Eine alte Frau hob ab. Wer denn wen wann wovon befreit habe, wollte ich wissen. Die Frau war baff. “Ja wissen Sie das denn nicht?“ Nein. Die Alte begann ein bisserl zu stottern. So genau, sagte sie, wisse sie das eigentlich auch nicht. Ich wollte helfen: “Die rote Armee? Wien? 1945? Von den Nazis?“ Empörtes Schnauffen. “Nein, das muss länger her sein. Ich glaub Araber.“ Araber? Nicht eher Türken? Ja, die Türken. Genau. “Die Türkenbelagerung.“ Ob das jetzt aber die erste oder zweite gewesen sei, wusste die Chefsekretärin der Pressestelle nicht. Es sei auch niemand da, um zu fragen. Polen? Wieso Polen? Das, war sie sicher, habe damit nichts zu tun. Der Name Jan Sobiesky sagte der guten Frau zwar etwas - aber halt nur irgendwas. Ach, der sei damals - zum Ende der zweiten Belagerung - über den Kahlenberg anmarschiert? Hochinteressant, fand die Chefsekretärin der Pressestelle. Ob ich denn auch sicher zur “Weihe der Kraftfahrer und der Kraftfahrzeuge“ am Sonntag auf den Berg kommen würde? A. war dagegen. Aus irgendwelchen Gründen. Unser Wagen fährt weiter ungesegnet in jede Radarfalle. Aber ich freue mich schon auf die nächste Einladung der Chefsekretärin der Pressestelle.

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