Österreich: Höchste öffentliche Gesundheitsquote der Welt

23. September 2002, 11:47
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Private Krankenversicherung stagnieren da Staat Leistungen beliebig bezahlt

St. Wolfgang - Der Markt für Krankenversicherungen in Österreich stagniert. Ein Grund dafür ist nach Ansicht der Expertin für Gesundheitswesen am Industriewissenschaftlichen Institut an der WU-Wien, Eva Pichler, der geringe Reformeifer im öffentlichen Gesundheitswesen, das nach wie vor zu einem der besten aber auch teuersten der Welt zählt. Bei der öffentlichen Gesundheitsquote, den öffentliche Gesundheitsausgaben in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liege Österreich mit 8,6 Prozent sogar an 1. Stelle weltweit, so Pichler, nicht zuletzt weil der öffentliche Sektor Leistungen nach wie vor fast uneingeschränkt übernimmt. Fazit: Die Nachfrage nach privaten Krankenversicherungen stagniert.

"Österreich gehört zu den Ländern, welche bisher die geringsten Reformen durchgeführt haben", so Pichler bei den diesjährigen St. Wolfganger Gesprächen des Versicherungsverbandes. So lange der öffentliche Sektor Leistungen beliebig bezahle, gebe es wenig Anreize für private Zusatzversicherungen.

2,57 Millionen private Krankenversicherungsverträge

In Österreich gibt es etwa 2,57 Millionen private Krankenversicherungsverträge, 1,03 Millionen davon betreffen eine Zusatzversicherung für Krankenhausaufenthalte. Die Spitalskosten machen auch den Löwenanteil der Leistung der privaten Krankenversicherer aus. Aktuelle Zahlen für das ersten Halbjahr 2002 liegen wegen Änderungen in der Datenerfassung nicht vor, 2001 betrugen die Prämieneinnahmen der privaten Krankenversicherer in Österreich 1,21 Mrd. Euro. Die Leistungen beliefen sich auf 913,12 Mill. Euro, wobei auf den Ersatz von Krankenhauskosten mit 693,3 Mill. Euro, sowie das Spitalsgeld mit 97,16 Mill. Euro die größten Kostenfaktoren darstellen.

Langfristig müssten die ambulanten Behandlungen noch stärker forciert werden, betonte auch der Präsident des Versicherungsverbandes und Chef der Generali Vienna, Dietrich Karner. Die Einsparungen durch kürzere Spitalsaufenthalte seien zuletzt durch die gestiegenen Zahl der Spitalsaufenthalte wieder voll kompensiert worden.

Wettbewerbsverzerrung

Bei den Krankenhauskosten ortet Expertin Pichler auch die größte Wettbewerbsverzerrung, weil hier die Leistungen des öffentlichen Gesundheitswesen nach oben gedeckelt sind und die fehlenden Summen aus Steuern finanziert werden. Laut IWI-Studie werden bereits 70 Prozent der Kosten des stationären Bereichs aus Steuern bezahlt. Tendenz: Steigend.

Die "Einsparungen", die die privaten Krankenversicherer dem österreichischen Gesundheitssystem durch ihre erweiterten Leistungen, die Unterbringung von Privatpatienten in privaten aber auch öffentlichen Spitälern sowie Ärztehonorare bringen, schätzt Pichler mit rund 510 Mill. Euro.

Öffentliches Gesundheitssystem unfinanzierbar

Pichler geht mittelfristig auch in Österreich wieder von steigender Nachfrage nach privaten Krankenversicherungen aus, da die Unfinanzierbarkeit des öffentlichen Gesundheitssystems immer deutlicher werde. Sie erwartet, dass der Anteil der Menschen, die ausschließlich privatversichert sind, wie derzeit hierzulande nur bei Freiberuflern möglich, zunehmen wird. Neue Geschäftsfelder für "Private" könnten auch der wachsende internationale Gesundheitstourismus und vor allem der Wellness-Boom eröffnen.

In Deutschland wo knapp ein Fünftel der Bevölkerung über eine Private Krankenversicherung verfügt, die Hälfte davon (vor allem Beamte und Besserverdiener) ausschließlich, kämpfen die privaten Krankenversicherungen derzeit mit steigenden Ausgaben bei gleichzeitiger negativer demographischer Entwicklung und weniger "Stornogewinnen". Daher werden die Prämien mit Jahresbeginn 2003 voraussichtlich steigen, sagte Volker Leienbach vom Privaten Krankenversicherungsverband in Köln.

In Österreich haben die Verhandlungen über die Kostenersätze privater Krankenversicherungen noch gar nicht begonnen. Der Vorsitzende der Sektion Krankenversicherung im Versicherungsverband, Merkur-Chef Werner Reimelt, rechnet aber zu Jahresbeginn ebenfalls mit Anpassungen bei den Prämien.(APA)

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