"Zeit der Ernte" - Von RAU

23. September 2002, 10:28
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Zuerst hart sanieren, dann, im letzten Jahr der Legislaturperiode, die Wähler-Ernte einbringen - das war ursprünglich Wolfgang Schüssels strategischer Plan. Stattdessen gibt es Neuwahlen, weil Schüssels Koalitionspartner FPÖ von heftigen Fieberschüben geschüttelt wird.

Das Interessante daran: Schüssel fährt in den Umfragen trotzdem die Ernte ein, weil die ÖVP von 27 Prozent auf derzeit rund 35 Prozent zugelegt hat. Ein guter Teil der Wähler nimmt es also Schüssel nicht übel, dass er ein Experiment mit der FPÖ eingegangen ist, die sich, wie von einigen vorausgesagt, prompt nicht als regierungsfähig erwies. Die Erklärung liegt teils darin, dass Schüssel konservative FPÖ-Wähler erntet, die nirgends anders hingehen können. Allerdings müsste die SPÖ dafür von der FPÖ massiv "Kleiner Mann"-Stimmen erben.

Das ist aber weniger der Fall. Die SPÖ stieg zwar auch, aber schwächer: von ihren 35 bis 36 Prozent in den Umfragen vor dem Regierungsknall auf derzeit 39 Prozent. Woran liegt's? Dass viele Wähler zur ÖVP flüchten, weil sie Sicherheit wollen und Schüssel für den plausibleren Kanzler halten? Oder dass Schwarz-Blau zwar wenig Begeisterung erweckt (und mit Grund), aber Rot-Grün noch viel weniger? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.9.2002)

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