Gemischte Gefühle

23. September 2002, 12:28
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Chefvolkswirt der Deutschen Bank: Keine Kraft für notwendige Reformen - Bundesbankpräsident Welteke: Märkte beruhigt

Berlin/Frankfurt - Der Wahlsieg von Rot-Grün in Deutschland ruft gemischte Gefühle bei der Wirtschafts- und Finanzwelt hervor. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, erwartet einen Reformstau. Er fürchte, dass die Koalition, "nicht in der Lage ist, die notwendigen Reformen auf den Weg zu bringen, die wir jetzt dringend brauchen", sagte Walter am Montag im F.A.Z. Business Radio. Er hoffe aber, "dass die Freunde in der Europäischen Union Druck auf Deutschland machen, damit von außen das aufgezwungen wird, was wir innen nicht schaffen".

Walter forderte die deutsche Regierung auf, für weniger Staat in Wirtschaft und Gesellschaft zu sorgen. Mehr Verantwortung müsse auf die Privaten übertragen werden. "Es macht keinen Sinn, unter erwachsenen Menschen, die einigermaßen ein vernünftiges Einkommen haben, so zu tun, als ob man von der Wiege bis zur Bahre betreut werden muss."

IW-Kroker befürchtet weiter Ausbleiben von Strukturreformen

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln befürchtet, dass aus seiner Sicht dringend notwendige Strukturreformen in Deutschland zur Verbesserung der Wirtschaftslage auch mit der Neuauflage der rot-grünen Koalition nicht verwirklicht werden. Der Leiter der Hauptabteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik, Rolf Kroker, sagte am Montag im Gespräch mit vwd, gemessen an den Parteiprogrammen habe er Zweifel, dass es gelingt, solche gerade am Anfang einer Legislaturperiode wichtigen Weichenstellungen vorzunehmen. Eigentlich wäre es nötig, jetzt auch "unliebsame Wahrheiten" zu verkünden und unpopuläre Maßnahmen anzugehen.

Welteke: Märkte beruhigt

Der knappe Wahlsieg der rot-grünen Regierungskoalition wird nach Einschätzung von Bundesbankpräsident Ernst Welteke die zuletzt sehr volatilen Finanzmärkte beruhigen.

"Der Wahlausgang schafft Ruhe und Sicherheit, das sollte auch die Märkte beruhigen", sagte Welteke Montag früh am Rande einer Bankentagung. Nach dem Wahlsieg des rot-grünen Bündnisses bei der Bundestagswahl bleibe jetzt allerdings abzuwarten, wie die bestätigte Regierung damit umgehe, auf keine eigene Mehrheit im Bundesrat zurückgreifen zu können.

Klarheit über das Wahlergebnis hatte nach einer dramatischen Wahlnacht erst das vorläufige amtliche Endergebnis gebracht. Danach verfügen SPD und Grüne im neuen Bundestag über elf Sitze mehr als Union und FDP. Nach Angaben des Bundeswahlleiters hatte die SPD 38,5 Prozent der Stimmen erzielt, die Union kam ebenfalls auf 38,5 Prozent. Die Grünen erzielten 8,6 Prozent, die FDP 7,4 und die PDS 4 Prozent.(APA/Reuters)

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