Kurzer "Fledermaus"-Prozess: 45 Minuten

23. September 2002, 20:45
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Marcel Prawy war nicht vonnöten, bei der Debatte um "ekelhaftes Theaterstück"

Salzburg - Am Montagnachmittag fand im Bezirksgericht Salzburg der Prozess statt, den ein Halleiner Arzt, erbost über die "Fledermaus"-Inszenierung von Hans Neuenfels im Sommer 2001, gegen den Salzburger Festspielfonds angestrengt hatte: Er klagte auf Rückerstattung von 519,61 Euro für zwei Eintrittskarten. Denn statt der Strauß-Operette hätte man ihm ein "ekelhaftes Theaterstück mit Musikuntermalung von Strauß" geliefert. Die Verhandlung war nach 45 Minuten zu Ende, das Urteil ergeht schriftlich. Auf die Einvernahme der Zeugen - unter anderem Marcel Prawy - wurde in beiderseitigem Einvernehmen verzichtet.

"Wenn er gewusst hätte, dass sie so verfremdet ist..."

Bei der Verhandlung meinte der Arzt, er habe bis zur Premiere nicht gewusst, dass es sich um eine "Neubearbeitung" des Stückes handle: "Ich hatte das Gefühl, ich war in einem anderen Stück. [...] Es traten Personen auf, die nicht hier hergehörten. Der Frosch trat im ersten Akt auf, hat aber hier nichts zu suchen. Er hat textliche Absonderlichkeiten von sich gegeben, und dadaistische Gedichte mit sinnlosen Buchstabenkombinationen." Es seien "zeitkritische Äußerungen wie Sozialist, Kommunist, Jude und das Wort Niederprügeln gefallen, das hat mit dem Stück nichts zu tun." Auf die Frage des Richters, ob seiner Meinung nach bei einer Neuinszenierung eine Bearbeitung des Stückes nicht inkludiert sei, meinte der Arzt: "Ich habe mich auf die Salzburger Festspiele verlassen, die normalerweise gute Aufführungen bringen."

Der Anwalt der Festspiele, Karl Ludwig Vavrovsky, fragte den Arzt, ob er aus den Medien nicht gewusst habe, dass Gerard Mortier mit den beiden Aufführungen der "Fledermaus" und "Ariadne auf Naxos" zu seinem Abschied kontroversielle Aufführungen angesagt habe. Dazu der Kläger: "Nein, ich habe es nicht gewusst. Die Musik hat mir gefallen, ich habe das Stück ja an den Arien erkannt." Auch am Dirigenten, dem Mozarteum-Orchester und dem Bühnenbild sei nichts auszusetzen gewesen.

"Ich schätze den Geschmack des Klägers, es geht aber nicht um seine persönlichen Gefühle, sondern es geht darum, ob die damalige Aufführung der Fledermaus noch eine mögliche Variante der Darstellung sei", sagte Vavrovsky. "Laut Oberstem Gerichtshof ist die Freiheit der Kunst möglichst weit auszulegen."

Der Anwalt des Klägers, Wolf Schuler, betonte erneut, dass sich das Stück als eine erhebliche Bearbeitung darstellte und der Inhalt zweckentfremdet worden sei. "Diese Operette erfuhr einen anderen Charakter, was hat darin ein Duce oder ein Reichsmarschall verloren?" Auf Grund der Vorinformationen hätte sein Mandant eine Operettenaufführung in interessanter Regie erwartet. Aber wenn er gewusst hätte, dass sie so verfremdet ist, hätte er sich den Kauf der Karten überlegt." (APA/red)

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