Kommentar der anderen: Die närrische Logik des "deutschen Weges"

22. September 2002, 23:41
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Von "Spiegel"-Autor und Publizist Henryk M. Broder

Es ist wie in dem alten k. u. k. Witz mit dem Grafen Bobby. Der sitzt Ende 1918 in Wien in einem Gasthof und jammert: "Was haben wir für eine schöne Armee gehabt! Und was haben sie mit ihr gemacht? In den Krieg geschickt."

So etwas darf einfach nicht wieder passieren. Bundeskanzler Schröder, der zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Worte gefunden und die "uneingeschränkte Solidarität" mit den USA ausgerufen hat, bringt die Bundesrepublik ("mit ziemlich überzeugenden Argumenten", wie Peter Glotz an dieser Stelle am Samstag schrieb) auf den "deutschen Weg" zurück. Soll heißen: Frieden schaffen ohne Waffen. Man müsse Druck auf Saddam Hussein ausüben, damit er die UN-Waffeninspektoren bedingungslos wieder ins Land lässt. Tolle Idee. Wie lange wird schon erfolglos Druck auf den irakischen Diktator ausgeübt? Und wie will man ihn dazu bringen nachzugeben, wenn man die letzte Option, den Einsatz von Gewalt, von vornherein ausschließt? Womit will man ihn in die Knie zwingen? Mit einem neuen Embargo? Keine Ferrero-Küsschen nach Bagdad, keine Ersatzteile für die Carrera-Rennbahnen der Saddam-Enkel und keine Gucci-Sonnenbrillen für Saddams Leibwächter?

Das ist die närrische Logik des deutschen Weges: Nachdem deutsche Firmen maßgeblich dazu beigetragen haben, Saddam aufzurüsten, weigert sich die deutsche Politik, ihn abzurüsten - es sei zu gefährlich, die Folgen seien unabsehbar. Während bei der vorausgegangenen Aufrüstung die Folgen nicht nur kalkulierbar waren, sondern billigend in Kauf genommen wurden.

Gäbe es eine Olympiade für Besserwisser und Ratgeber, die anderen immerzu sagen, wo es langgeht, bei der Siegerehrung müsste laufend die deutsche Nationalhymne gespielt werden. Zur Zeit des Golfkrieges schrieben deutsche Friedenskämpfer offene Briefe an ihre Freunde in Israel, wie wichtig es für den Frieden wäre, dass Israel auf den Beschuss mit irakischen Skud-Raketen nicht reagiert, um den Konflikt nicht zu eskalieren. Zugleich reisten deutsche Hausfrauen nach Bagdad, um mit ihren fülligen Leibern den lieben Saddam zu beschützen.

Auch nach dem 11. September dauerte es nicht lange, bis deutsche Vor- und Nachdenker das kleine Blutbad in die richtige globale Perspektive eingeordnet hatten. "Die US-Politik hat in der Nachkriegszeit mehr Menschenleben gekostet als alle Terroranschläge zusammen, zuzüglich jener, die mit US-Unterstützung begangen wurden", schrieb ein Kommentator in der taz.

"Haben wir immer noch nicht verstanden, dass die westliche Demokratie jene Lebensform ist, in der man für seinen Feind verantwortlich ist - weil dieser die eigene Praxis widerspiegelt?", räsonierte der Philosoph Peter Sloterdijk in Focus.

Und erst vor kurzem hat die Theologin Dorothee Sölle, die sich am liebsten mit den Armen und Ausgebeuteten der ganzen Welt solidarisiert, erklärt, die Zerstörung der Türme des World Trade Center sei "eine Analogie zum Einsturz des Turms zu Babel". Beide Bauwerke seien aus dem gleichen Grund zerstört worden, weil sich die Menschheit nicht mehr verstanden habe. "Es ist schlimmer geworden in der Welt, die Verelendung nimmt weiter zu." Das stimmt zwar nicht, aber es klingt immer gut.

Der praktische Wert solcher Überlegungen liegt darin, dass sie den Terror vollkommen ignorieren, er kommt nicht einmal als Begriff vor. Die Türme sind in sich kollabiert, ohne jede Fremdeinwirkung. Am Ende sind nicht die Täter, sondern die Opfer schuldig, die allein durch ihr Auftreten ("Die Arroganz der Macht") die Taten provoziert haben. Und wie viele Menschen auch sterben mussten, es wurden nur, auch das konnte man überall lesen und hören, "Symbole angegriffen", das WTC und das Pentagon. So logen sich deutsche Intellektuelle die Wirklichkeit zurecht, bis sie wieder in ihr Weltbild passte.

Es hat sich wenig geändert in Deutschland seit dem 11. September 2001. Ein paar Gesetze wurden geändert, ein paar mutmaßliche Terroristen verhaftet, Synagogen und amerikanische Einrichtungen werden noch schärfer bewacht. Mehr ist nicht. Auch nach dem Tod von elf deutschen Touristen auf Djerba fehlt jedes Gefühl von eigener Bedrohung. Gefährlich wird es nur, wenn die Amis Onkel Saddam mit Krieg drohen. Was ist, wenn eine amerikanische Cruise-Missile am Potsdamer Platz statt in Saddams Schlafzimmer landet? - Was passiert, wenn Saddam seine Waffendepots, die er angeblich gar nicht hat, aufmacht und aktiviert?

Wir werden es erleben. Spätestens wenn die Teilnehmer der Love Parade das große Fest der Liebe in ABC-Schutzanzügen feiern, wird auf dem deutschen Weg die Hölle los sein.

Und spätestens seit heute steht fest - wie immer das Siegerfoto aussehen mag: Erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde eine Bundestagswahl mit dem Ticket des Antiamerikanismus gewonnen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. September 2002)

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