Rom, gladiatorenfrei

20. Juli 2005, 14:33
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Der Lido di Ostia unweit von Rom hat zu Unrecht den Ruf öder Peripherie. Statt pittoresker Buchten bietet er exzentrische Architektur und den strengen Charme der Nebenerwerbsfischer

"Lass uns ans Meer fahren", hatte Caterina vorgeschlagen. An einem frühen Morgen, als es in Rom längst zu spät für die letzten Kneipen und noch zu früh war, um nach Hause zu gehen: "Lass uns nach Ostia fahren, lass uns den Fischern zusehen." Dabei kann man von Ostia alles erwarten, nur keine Fischerdorfidylle.

Ostia sei nicht mehr als eine "Borgata", ein Vorort, sagen die Römer in hauptstädtischer Überheblichkeit. Ein Badestrand am Rande der Großstadt eben. Um eindrucksvollere Strände zu sehen, müsse man in den Süden, heißt es, nach Sabaudia oder Sperlonga, mindestens. Wo es pittoreske Buchten und smaragdgrünes Wasser gebe. Das alles bietet Lido di Ostia nicht.

In Nanni Morettis Film "Der Nichtstuer / Ecce bombo" (1978) warten drei römische Studenten am Strand von Ostia auf den Sonnenaufgang. Doch sie blicken vergeblich Richtung Meereshorizont. Die Sonne hebt sich nicht aus dem glatten Spiegel des Tyrrhenischen Meeres, sondern im Rücken der Studenten aus dem Dunst der Großstadt.

Architektur zwischen "neoclassicismo" und "razionalismo"

Und trotzdem ist Caterina, die Römerin, aufgewachsen im Handwerkerviertel Trastevere, wie viele aus der Metropole irgendwie stolz auf den Ort: auf den weiten Sandstrand mit den halblegalen Discos, auf die behelfsmäßig wirkenden Fischrestaurants im Süden bei den Dünen, wo manchmal auf großen Leinwänden Kinofilme gezeigt werden und man hervorragend und preiswert Fisch isst. Oder auf das architektonische Gemenge zwischen "neoclassicismo" und "razionalismo".

"Du wirst sehen, eigentlich ist Ostia großartig", sagt Caterina. Keine 30 Kilometer auf der Via del Mare geht es vorbei an Pinienwäldern nach Lido di Ostia. Klar, im Sommer stauen sich hier die Wagen, doch wer sich am Morgen aufmacht, ist keine 20 Minuten unterwegs. Vor rund hundert Jahren war die Gegend noch weitgehend Sumpfgebiet, und ausgerechnet der dunkelsten Epoche der italienischen Geschichte verdankt Ostia seinen ersten, wenn auch kurzfristigen Aufschwung. Unter dem faschistischen Regime durften sich manche Architekten austoben, unterstützt von investitionsfreudigen Unternehmern, die in Ostia einen mondänen Badeort ähnlich Nizza, Cannes oder Brighton sehen wollten. Oder die - wie Mussolini - meinten, die Kapitale des neuen römischen Reiches müsse auch einen Mee- reszugang besitzen.

Villen und Strände mit zweckmäßigen Badeanstalten und Hotels

Adalberto Libera, der auch für den Palazzo dei Congressi im EUR-Gelände Roms verantwortlich zeichnet, schuf hier einige seiner unverwechselbaren rationalistischen Villen mit symmetrischen Fassaden und bizarren tellerförmigen Balkonen. Angiolo Mazzoni plante das Postgebäude im Zentrum, von dem die Bewohner Ostias sagen, dass es einem UFO zum Verwechseln ähnlich sehe. Von den kolonialen Hirngespinsten des Diktators berichtet die "Colonia Marina Vittorio Emanuele III" Vincenzo Fasolos.

Doch Ostia musste warten, bis auch in Italien das Baden zum Massenvergnügen wurde. Hastig wurden die Strände mit zweckmäßigen Badeanstalten und Hotels bebaut. Einzig im Kursaal, gleich am Eingang des Badeortes, bewahrte man etwas Mondänität: mit dem Olympia-Schwimmbecken, den Tenniscourts und einem Sprungbrett, das wie ein gigantischer Mercedes-Stern aussieht. Dort, sagt man, hätten sich die Autoren und Filmschaffenden des Dolce Vita vergnügt.

Palafilpjk-Sporthalle - Fussballbegeisterung

Etwas nördlich ist das kadmiumgrüne hutförmige Dach von Ostias modernstem architektonischem Werk kaum zu übersehen: Die Palafilpjk-Sporthalle sorgt heute bei manchem Römer für Kopfschütteln. Nicht nur wegen des Namens.

"Es muss hier noch Fischer geben", sagt Caterina. Fischer, die der Moderne und dem Massenvergnügen trotzten und nach wie vor vom Fischfang lebten. Man müsse bloß etwas weiter nördlich fahren, die Via dell' Idroscalo entlang. Die Straße, die parallel zum Lungomare (Uferstraße) verläuft. Vorbei an den gettoähnlichen Siedlungen, wo Ostia seinem Ruf als Peripherie tatsächlich gerecht wird und gelb-rote Fahnen den abbröckelnden Putz der Gebäude verdecken: "Gioca la Roma", der Fußballclub AS Rom, spielt heute. Je weiter man sich von Roms Zentrum entfernt, umso größer scheint die Fußballbegeisterung zu werden.

An der Straße, in einem unscheinbaren Feld, steht heute ein schlichtes Denkmal. Hier fand man vor 27 Jahren die Leiche des Autors und Filmemachers Pier Paolo Pasolini. Ermordet von einem Strichjungen, heißt es. In Italien, wo Verschwörungstheorien meist auf besonders fruchtbaren Boden fallen, kursieren auch andere Versionen.

.. und - der letzte Fischer Ostias

Am Ende der Via dell' Idroscalo hatte das Meer keine Nachsicht mit der kleinen Fischerhütte. "Es hat alles weggespült gestern Nacht", sagt der alte Mann und wischt mit der Hand durch die Luft, um zu zeigen, wie der Sturm wohl die Hütte abgeräumt hat. "Das wieder aufzubauen wird Tage dauern."

Aus einem Transistorradio tönt die Übertragung der sonntäglichen Fußballspiele. "Gioca la Roma", sagt er ehrfurchtsvoll. Was er denn jetzt mache? Ohne Fischfang, ohne Einkommen? Erst versteht er die Frage nicht, dann lacht er: Das sei doch sein Hobby, hier gebe es doch längst keine richtigen Fischer mehr. "Nein, schon lange nicht mehr."

"An der Bar, unten am Meer", wird später ein Mädchen aus dem Ort verraten, "trifft man den letzten Fischer Ostias." Der könne von den alten Zeiten erzählen, 24 Stunden habe seine Bar geöffnet. Gelb-rot - wie sonst - wurde die Hütte übermalt. Fahnen und Fußballwimpel flattern im Wind. Doch die Tür ist verschlossen.

Einzig die aufgeregte Stimme eines Sportreporters ist durch die Bretterwand der Bude zu hören, und erst nach dem fünften Klopfen öffnet sich die Fensterklappe zur Bar. "Sicher kann ich erzählen", sagt er, ohne den Blick vom Fernseher in der hinteren Ecke des Raumes zu lösen. Aber jetzt könne er wirklich nicht, man müsse verstehen: "Gioca la Roma." (Dietmar Telser/DER STANDARD/rondo/20/09/2002)

Anreise:
Von Rom nach Lido di Ostia: Mit dem Zug etwa von den Metrostationen EUR-Magliana oder Basilica San Paolo. Wer mit dem Wagen fährt, nimmt die Via Del Mare, die direkt nach Lido di Ostia führt.

Info:
APT - Azienda di Promozione Turistica
Via XX Settembre 26
00187 Rom
Tel.: 0039 / 06 / 42 13 81
Fax: 0039 / 06 / 42 13 82 21

www.romaturismo.it
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