Die Macht als Kitt

22. September 2002, 21:26
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Mit Mathias Reichhold präsentierte sich in Oberwart ein erschöpfter Mann - von Thomas Mayer

Misst man die FPÖ an der Antrittsrede ihres neuen Parteichefs Mathias Reichhold, eröffnet sich der triste Zustand dieser Regierungspartei in seiner ganzen Breite.

Äußerlich: Es trat dort ein von internen Kämpfen und vielen Nachtsitzungen gezeichneter, erschöpfter Mann auf. Seine Ausführungen strotzten nur so vor merkwürdigen Sätzen ("Ich habe mit vielen Menschen sprechen müssen, um dieses schwere Amt übernehmen zu können"), vor schiefen Sprachbildern ("Wir hatten die erste Vizekanzlerin als Frau") und Patzern ("Keine EU-Erweiterung ohne Benes").

Inhaltlich: Der Neue setzte keine Akzente, er reihte eine (wohl bekannte) politische Forderung an die andere, ohne dass dabei irgendein Weg, irgendeine politische Vision erkennbar wurde. Ja zu einer "ehestmöglichen" Steuerreform, ohne zu sagen, wann; Ja zur Luftraumüberwachung, aber die Abfangjäger-Entscheidung soll die nächste Regierung treffen. So ging das dahin. Ohne konkretes Wahlziel. Die Probleme sind aufgeschoben.

Was ist die FPÖ nach Oberwart also? Zwei Antworten gab es. Erstens: Man wolle "beweisen, dass wir regierungsfähig sind", sagte Reichhold. Schwarz-Blau muss fortgesetzt werden, um beinahe jeden Preis. Zweitens: Die FPÖ bleibt weiter die Partei Jörg Haiders - mit einem Obmann Reichhold, der vor dem Parteitag seine Art eines Glaubensbekenntnisses abgegeben hat, als er wörtlich sagte: "Er hat mich auserwählt." Der daraufhin aufbrausende Applaus - stehende Ovationen - sprach für sich. Der Name Grasser wurde nicht einmal erwähnt, für Exparteichefin Riess-Passer gab es höfliches Klatschen.

Positiv kann Reichhold für sich verbuchen, dass er die Partei zumindest gekittet hat. Ob er "überlebt", wird aber ganz vom Wahlausgang abhängen.

(DERSTANDARD, Printausgabe, 23.9.2002)
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