Die wundersame Geldvermehrung

22. September 2002, 19:42
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Lockangebote für Anleger können nicht immer das, was sie versprechen

Wien - Wer in Zeiten von Börsennöten, Aktieneinbrüchen, Insolvenzen, Bilanzfälschungen, niedrigen Zinsen und Fondskrisen sein Geld effizient, sicher und ungeheuer gewinnbringend anlegen möchte, der wende sich an einen Vermögensberater.

So ein Berater für individuelle Geldangelegenheiten weiß finanztechnisch Bescheid. Er klingt überzeugend, argumentiert logisch und verspricht viel Geld. Beispielsweise Geld aus einer Lebensversicherung, die 35 Jahre laufen soll, fast nichts kostet und so ungeheuren Gewinn abwirft, dass eine nicht sofortige Unterschriftsleistung geradezu fahrlässig ist. Ein Schelm, wer denken könnte, es ginge sich nicht aus, mit wenig Eigenkapital einen hohen Ertrag zu erzielen.

Denn die Sache ist ganz simpel: Mit beispielsweise 100 Euro im Monat, also 1200 Euro pro Jahr, erhält man nach einer Laufzeit von 35 Jahren atemberaubende 341.624 Euro oder 4,700.848,73 Schilling ausbezahlt, völlig ohne Risiko und mit einem zugesagten Zinssatz von neun Prozent.

Ein Idiot, wer sein Geld auf ein Sparbuch legt. Ein Geldverschenker, wer einen Bausparvertrag abschließt. Denn so eine Lebensversicherung kann einiges: Wer arbeitslos wird, dem zahlt die Versicherung die Prämie, für Mutterschutz und Karenz gibt es Einzahlungsunterbrechungen, wer stirbt, der hat für seine Hinterbliebenen ausgesorgt.

Wie funktioniert das?

Wir wollen natürlich wissen, wie das funktioniert. Herr Christian A. (Name von der Redaktion nicht geändert) erklärt es folgendermaßen: Monat für Monat werden die 100 Euro in Unternehmen investiert, z. B. in den Lebensmittelhandel, die Autoindustrie, in Textilunternehmen oder in die Telekommunikations-branche. Dort vermehrt sich der Betrag quasi von allein. Einwände, dass es um die Wirtschaft zurzeit nicht eben rosig steht, wischt Herr A. rasch vom Tisch: Sollte ein Konzern in den Konkurs schlittern, so seien da noch Dutzende andere Firmen, die den Verlust mit ihren Gewinnen locker ausgleichen würden.

Und es sei ja wohl nicht denkbar, dass alle Firmen dieser Welt in die Flaute rutschen. Denn "essen müssen die Leute immer" und "ein Auto braucht auch jeder", genauso wie "etwas zum Anziehen". Der Rest an Überzeugungsarbeit wird mit Gewinnkurven aus dem Vorjahr geleistet, wo Firmen mit bis zu 20 Prozent Zuwächsen aufgelistet sind, die es mittlerweile in dieser Form schon gar nicht mehr gibt. Wir sagen nicht, Geld stinkt, wir sagen nur: Die Methode tut es. (Barbara Forstner, DER STANDARD, Printausgabe 23.8.2002

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