Ohne Bauch und Bart

22. September 2002, 22:17
posten

Daniel Harding und die Kammerphilharmonie Bremen in Wien

Wien - Es gibt ein Foto von ihm, da sitzt er in einem rot-weißen Fauteuil auf einer Terasse; ein Zierbäumchen, eine marmorne Balustrade und üppiges Hintergrundgrün mühen sich mit Erfolg, ein entspannt-mondänes Ambiente zu kreieren. Harding - seine Hände ruhen ineinander verschränkt - hat das eine Bein über das andere geschlagen, der dunkelblaue Pullover kontrastiert mit seinem rötlich-blonden Haar und der Hornbrille. Langer Rede kurzer Sinn: Harding schaut aus wie der Enkel Virginia Woolfs.

In echt, wenn er das Podium des Wiener Konzerthauses betritt, ist dieses "Virginia-Woolfige" schon noch da, aber nur noch ganz leicht; eigentlich erinnert Harding da eher an einen sympathischen Milchjungen, der einem morgens flugs die Flasche vor die Tür stellt. In der musikalischen Rede des Briten vermengen sich nun die beiden Charakteristika des Quirligen und des Distinguierten. Harding und seine Deutsche Kammerphilharmonie Bremen präsentierten einen entschlackten, emotional aber enorm verdichteten Symphoniker Brahms.

Die Besetzungsstärke der Hansestädter entsprach jener der Meininger Kapelle, mit der Brahms einst seine Symphonien aufgeführt hat (je acht erste und zweite Geigen, fünf Bratschen, vier Celli, drei Kontrabässe). So hatte man das Gefühl, einen Brahms ohne jenen Bauch und jenen Bart zu erleben, die ihm eine knapp 130-jährige Interpretationsgeschichte hat anwachsen lassen. Dagegen schien der Kompositionscorpus mit einem doppelt so großen, fühlenden Herzen ausgestattet.

Überhaupt, die Intensität: Die Deutsche Kammerphilharmonie musizierte mit einer emotionalen Wachheit und Aktivität, die berührte, jeder der Musiker fühlte die von Harding mit einer dynamisch-eleganten Dirigiersprache veranschaulichten Gedankengänge mit. Als außerordentlich mächtig, innig und warm muss schließlich das musizierende Tun von Dirigent und Orchester beschrieben werden.

Das einzige Manko der beiden Abende: Der große Saal des 1913 erbauten Konzerthauses ist ja eigentlich für den Typus des spätromantischen XXL-Symphonieorchesters konzipiert; die dynamischen Gipfelpunkte der Symphonien zeitigten bei den mitgliedermäßig bescheiden aufspielenden Bremern dann doch eine etwas unüberwältigende Wirkung. Und: Die Balance Bläser-Streicher war um einen Hauch keine; die erste Gruppe dominierte leicht.

Zweifellos konnte einen aber bei den mirakulösen tiefwarmsüffigen Streicherthemen in Brahms-Symphonien (Erste, vierter Satz; Vierte, zweiter Satz) ein sanftes Kribbeln in der Solarplexusgegend befallen - gekoppelt auch mit wohligen Wärmeschauern sowie einer sanft aufkeimenden Neigung zu lacrimösen Ausflüssen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2002)

Von Stefan Ender
Share if you care.