Katerstimmung schon vor der Weinernte

23. September 2002, 14:05
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Beaujolais-Winzer werden heuer wieder auf einem Teil der Ernte sitzen bleiben

Paris - Farbenprächtig wie immer, aber ohne die übliche Frohmut hat am zweiten Septemberwochenende die diesjährige Weinernte im Beaujolais-Gebiet begonnen. 40.000 Traubenleser werden sich in den Reben wieder ins Zeug legen. Aber gerade darin liegt das Problem: Die Winzer bleiben auf ihrer Ernte zunehmend sitzen.

Erstmals seit dem Weltkrieg ergreifen sie nun eine handfeste Gegenmaßnahme: Von der letztjährigen Produktion von 170 Mio. Flaschen lassen sie sieben Prozent zu Essig verarbeiten. Für den Weinessig erhalten die 3619 Beaujolais-Winzer nicht einmal die Hälfte der Produktionskosten. Trotzdem haben sie sich zu dem Notstandsplan durchgerungen, um noch größeren Schaden zu vermeiden. Denn die Absatzkrise ist nicht nur konjunkturell bedingt. Der Beaujolais leidet unter einem anhaltenden Konsumententrend zu kräftigeren Weinen.

Daran sind die Winzer zum Teil selber schuld: Mit ihrem erfolgreichen Marketing-Gag "Beaujolais Nouveau" förderten sie selbst das Image eines leichten, fruchtigen und einfachen Roten, der in Frankreich heute vor allem in Supermärkten zu finden ist. Dabei haben in den letzten Jahren viele Beaujolais-Crus ihre Qualität stark gebessert, sodass sie den Vergleich mit den benachbarten Burgundern mittlerer Kategorie nicht mehr zu scheuen brauchen. Doch das zu Absatzzwecken massiv geförderte Image eines Billigweins wirkt nach. Heute hat dies verheerende Auswirkungen in einem Land, das immer mehr gegen die amerikanische oder australische Konkurrenz zu kämpfen hat. Mindere französische Weine sind als Erstes betroffen.

Kein Einzelfall

Die seit langem schwelende Krise des Beaujolais ist kein Einzelfall. Im Languedoc-Roussillon fragen sich die Hersteller mit einem Mal, warum sie ihre Tafelweine schlechter anbringen als die qualitätsmäßig vergleichbaren Weine der "neuen Welt".

Selbst im Burgund, wo bekanntlich nicht die bescheidensten Tropfen gekeltert werden, müssen die Winzer nun die Augen öffnen. Und das Erwachen nach den goldenen 90er-Jahren ist hart: Ohne dies an die große Glocke zu hängen, hat die Burgunder-Zunft beschlossen, Teile ihres zum Verkauf vorgesehenen Weins vorübergehend einzulagern, um den Angebotsüberschuss künstlich zu senken.

Im Bordeaux-Gebiet tun die großen Namen weiterhin, als stünden sie über der Entwicklung. Hinter den Kulissen herrscht aber alles andere als vornehme Gleichgültigkeit - vor allem wenn die Flaschenpreise sinken.

Überall im Land bilden sich Kommissionen, und in Paris geben Parlament wie Regierung neuerdings Berichte mit Auswegen und Reformvorschlägen in Auftrag. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Printausgabe 23.9.2002)

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