Der lange Schatten von Knittelfeld

22. September 2002, 22:57
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Die 92 Prozent Zustimmung verdankt Reichhold Zugeständnissen an Knittelfeld - Der erste Wortwechsel mit Haider blieb dennoch nicht aus

Oberwart/Felsöör - Vielleicht kommt er ja noch. Wozu sonst würden sich die Gendarmen vorm Eingang zur Messehalle III so formieren? Und außerdem würde so was zu ihm passen: auf einmal wieder da zu sein und dem neuen Weg, über den sie drinnen in der Halle seit Stunden schon recht langatmig reden, seinen Segen zu erteilen. Und wäre es so, dann würde der Lang Hansi aus Riedlingsdorf im Südburgenland sich flugs mit seinen 1,55 Metern hinunterbeugen. "Wenn der Jörg noch kommt", verspricht der kleine Mann, "dann küss' ich den Boden."

Die päpstliche Geste bleibt dem altgedienten Funktionär zu seinem Leidwesen erspart. Auf diesem Parteitag in Oberwart muss Lang sich mit dem Phantombild von Haider begnügen, das er nicht nur stolz auf der Krawatte trägt. "Da", sagt er und deutet auf die linke Brusthälfte, "da drinnen wird immer ein Platz für ihn sein."

Schwierige Harmonie

Der Lang Hansi ist nicht der Einzige auf diesem um Kalmierung bemühten Parteitag, der Haider vor sich her trägt. Kaum eine Rede kommt ohne wehmütige Hommage an den Partei-Übervater aus, nie ist der Applaus frenetischer als bei der Huldigung des Nach-Nachfolgers Mathias Reichhold an den Mann, "der mich auserwählt hat".

Und doch waren die Lobeshymnen Haider nicht genug. Reichhold habe seine Wahl seiner Unterstützung zu verdanken, keppelt er aus Kärnten. Er sei keine "Marionette", keppelt Reichhold zurück. Das war aber erst am Sonntag und konnte die verordnete Harmonie in Oberwart am Samstag nicht stören.

Eine schwierige Harmonie, um die sich Reichhold mit seinen Stellvertretern bemüht: mit den Knittelfeldern Magda Bleckmann, die ihre politische Zwangspause nach dem Tod ihres Mannes als Bankräuber nun beendet, und Thomas Prinzhorn. Mit dem Parteiliebling Herbert Haupt. Und mit dem Anti-Knittelfelder Max Walch aus Oberösterreich, als Arbeitnehmervertreter auch Gegenpol zum Industriellen Prinzhorn.

Eine Harmonie, die auch durch einen Kniefall vor den Inhalten von Knittelfeld erkauft wurde: Reichhold beschwört eine "rasche Steuerreform", eine Verschiebung des Abfangjäger-Kaufs ("viele Frage offen") und massive Zweifel gegenüber der EU-Osterweiterung. Oder - will beschwören: Denn wörtlich tönt er, "die Erweiterung wird es nicht ohne Benes geben". Den Delegierten sind solche Versprecher egal, sie hören ohnehin nur, was sie hören wollen, und danken es Reichhold mit einer Zustimmung von 92,2 Prozent. Mehr bekam Haider-Vertrauter Haupt (96,1), weniger Bleckmann (83,1), Prinzhorn (72,1) und Walch (70,3).

Lieber kein Leitantrag

Es ist eine brüchige Harmonie, die man lieber durch keine Festlegungen stören wollte: Der versprochene Leitantrag kam nicht zustande - wäre doch das Ja zu den Knittelfelder Inhalten mit dem Ja zur Regierungsbeteiligung schwer in einem Antrag vereinbar gewesen. Nur keine Debatten bis zur Wahl, nur keine Festlegungen. Das hört sich auf Nachfrage bei Herbert Scheibner dann so an: Was Reichholds Ansage der Verschiebung der Abfangjäger bedeute? - "Das ist ein nachvollziehbares Verfahren." Ob er, als alt-neuer Verteidigungsminister, Abfangjäger kaufen werde? - "Vorerst entscheidet der Wähler." Und bis dahin werden alle Konflikte vertagt - mit vagen Ansagen.

Burgenlands FP-Chef Stefan Salzl hat unterdessen Ewald Stadler in Arbeit. Er und seine geschmissten Freunde sollen die Regie nicht durcheinander bringen mit martialischen Siegesgesten. Tatsächlich meldet sich Stadler doch nicht zu Wort, begnügt sich damit, seinen Triumph dosiert nach außen zu lassen. Und die Beifallsstürme für den Knittelfelder Kumpan Hans Achatz zu genießen.

Salzl dankt's ihm durch einen behenden Stellungswechsel, mit dem er im Stadlerschen Sinn den Zurückgetretenen nachruft: Sie nämlich trügen ein gerüttelt Maß Schuld an der Malaise. So scheint sich, vorderhand, alles in Wohlgefallen aufzulösen. Und der Lang Hansi sagt, schon zum xten Mal, einen Satz voll abgrundtiefer Weisheit. "Reisende darf man nicht aufhalten." Seufzt. Und schaut auf seine Krawatte. (DERSTANDARD, Printausgabe, 23.9.2002)

Eva Linsinger Wolfgang Weisgram
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    Hommage an Haider und vage Inhaltsangaben beim FPÖ-Parteitag in Oberwart: Parteichef Reichhold vor den Delegierten

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