Einschüsse als Sehenswürdigkeit

22. September 2002, 19:54
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Ein Rundgang durch Bethlehem nach dem Abzug der Israelis

Die Stimmung schwankt zwischen Wut und Resignation. "Wenn wir Waffen hätten, könnten wir etwas tun", sagt ein Passant in Bethlehem zur israelischen Belagerung von Yassir Arafats Hauptquartier in Ramallah, die in der Nacht zum Sonntag trotz Ausgangssperren erstmals Demonstranten in den Städten im Westjordanland und im Gazastreifen auf die Straße gebracht hat. Alle Befragten sind sich einig, dass der Palästinenserführer nichts mit den islamistischen Attentaten der letzten Woche zu tun hat: Die Hamas nehme keine Befehle entgegen. Und "die Israelis warten nur auf die Attentate, damit sie ihre Politik weiter verfolgen können", sagt ein Mann.

Die israelische Armee hat - wieder einmal - Arafats Imagewerte unter den Palästinensern gerettet. Denn abseits der Empörung über die jetzige Lage hört man auch in Bethlehem, wo die israelische Armee erst kürzlich aus dem Stadtinneren abgezogen ist, viel Kritisches über die Palästinenserführung. Die Zeiten, als man nur eine Regierung - die israelische - hatte, waren besser, schimpft mein Fahrer, der dann die Schuld an den Verhältnissen doch den Israelis gibt, die die westjordanischen Städte seit Beginn des Friedensprozesses voneinander isoliert hätten. Das Leben sei während des Oslo-Prozesses nur schwieriger geworden.

Heute ist Bethlehem ein großes, stacheldrahtbewehrtes Gefängnis. Um ins nahegelegene Hebron zu kommen, braucht man Stunden; seit Sonntag gilt dort ohnehin wieder eine Ausgangssperre. Der Checkpoint nach Jerusalem ist verlassen, auf beiden Seiten warten nicht einmal mehr Taxis auf Ankömmlinge. Die Souvenirhändler bei der Geburtskirche haben sich aufs Betteln oder auf subtile Erpressung verlegt und drehen den wenigen Ausländern - Leuten, die aus Berufsgründen ins Westjordanland müssen, wie Journalisten - ihre Ware unter dem Titel "Unterstützung für Bethlehem" an.

An der Geburtskirche wurden die ärgsten Schäden behoben, die unzähligen Einschusslöcher stellen eine neue Sehenswürdigkeit dar. An den Mosaiken im Inneren sind abbröckelnde Stellen zu sehen, angeblich verursacht durch die Erschütterungen des israelischen Beschusses.

Die tausendjährigen Spannungen zwischen Katholiken und Griechisch-Orthodoxen sind auch nicht besser geworden: Vor ein paar Tagen gab es lauten Streit in der Kirche, weil die Griechen etwas repariert hatten, ohne es mit den "Römern" abzusprechen. Mit sichtlichem Vergnügen erzählt ein - jetzt jobloser - Führer von den Reibereien während der israelischen Belagerung, bei denen es unter anderem darum ging, wer die orthodoxe, wer die katholische Toilette benutzen sollte.

Beim Rundgang durch die Stadt wird man auf die Stellen hingewiesen, wo dieser und jener von der israelischen Armee erschossen wurde - und wie lange er dalag, bevor man ihn bergen konnte. An den Mauern mancher Gassen sind Schleifspuren zu sehen von den Panzern. Die Menschen gehen mit grimmigen Gesichtern ihren Geschäften nach. Die Angst, die israelischen Soldaten könnten jederzeit in die Stadtmitte zurückkommen, sitzt tief.

(DERSTANDARD, Printausgabe, 23.9.2002)
Gudrun Harrer aus Bethlehem
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