Arafat wünscht sich Märtyrertod

22. September 2002, 19:50
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Israel schließt den Palästinenserchef ein

Das ganze Wochenende über arbeiteten israelische Sprengmeister und Bulldozer emsig an der "Isolierung" Yassir Arafats weiter - im Mukataa-Komplex sollte offenbar nur noch jenes Gebäude einsam stehen bleiben, in dem sich der Palästinenserchef mit rund 200 Getreuen aufhält.

Auch die anstoßenden Amtsräume des Gouverneurs von Ramallah wurden demoliert, ebenso die gemauerte Brücke, die in Arafats Zentrale den Wohn- mit dem Bürobereich verband. Das Gelände wurde mit Stacheldrahtspiralen abgeschottet, Telefon und Strom funktionierten nur mehr sporadisch, die Wasserversorgung soll zuletzt aber wiederhergestellt worden sein. Am Samstag waren noch immer wieder Salven durch den Hof gedonnert, eine Panzergranate schlug im Stockwerk über Arafat ein, angeblich rieselten Staub und Schutt auf ihn herab.

Arafats Sprecher Nabil Abu Rdene, der mit eingeschlossen ist, teilte telefonisch mit, dass sein Chef "gesund und wohlauf" sei - "seine Moral ist gut, wie immer, aber hier besteht eine wirkliche Gefahr". In Privatgesprächen soll Arafat sich wieder den "Märtyrertod" gewünscht haben.

"Einwegticket"

Über seine Nachrichtenagentur ließ er verbreiten, dass er "zum Frieden, aber nicht zur Kapitulation bereit" sei, und rief die palästinensischen Fraktionen auf, "alle gewaltsamen Attacken in Israel einzustellen, denn Sharon nützt sie aus, um den Frieden der Tapferen zu zerstören". Die Israelis ihrerseits versicherten immer wieder, dass Arafat nicht im Visier sei. Offiziell will Israel die Auslieferung von rund 20 "prominenten Gesuchten" erzwingen, die sich bei Arafat verbergen sollen, an der Spitze Tawfik Tirawi, Leiter des Nachrichtendienstes im Westjordanland, und Mohammed Damra, einer der Kommandanten der "Streitkraft 17". Die Israelis verbargen aber kaum das Kalkül, dass Arafats Lebensbedingungen so schwierig werden könnten, dass er von sich aus mit einem "Einwegticket" abzieht. (DerStandard, Printausgabe, 23.9.2002)

Ben Segenreich aus Tel-Aviv
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    Wächst Israels Druck auf Arafat, stärken ihm die Palästinenser mit Massendemonstrationen den Rücken

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