Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh

13. Oktober 2002, 18:19
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Ebenso wie die Hausse übertrieben war, erscheint die momentane Skepsis fehl am Platz - Gastkommentar von Michael Margules

Der Verkaufsdruck an den internationalen Aktienmärkten hat sich in den vergangenen Wochen weiter verschärft, und die politische Situation rund um den Krisenherd Naher Osten schüren die Verunsicherung der Anleger aus verständlichen Gründen zusätzlich.

Über Kapitalvernichtung.....

Nimmt man den Kursgipfel im Frühling 2000 zum Ausgangspunkt, ist der Ruf der Aktie als herausragendes Anlageinstrument wenn nicht verspielt, so zumindest in Frage gestellt. Die Kursindizes notieren auf dem Stand von 1997, in Japan von 1983. Was Anleger in drei Jahren an Aktienvermögen aufgebaut haben, hat sich in Luft aufgelöst – außer, ein Anleger hat zwischendurch Gewinne realisiert und frühzeitig Titelbestände reduziert. Seit März 2000 rund 50 Prozent hat der aussagekräftige S&P 500 verloren. Im Vergleich dazu bis dato noch relativ glimpflich kam der Dow Jones, dessen Gewinner/Verlierer-Verhältnis aber schon im Jahr 1998 negativ tendierte, mit rund einem Drittel an Wertverlust davon, wobei die Betonung aber eindeutig auf „relativ“ liegen muß. Die im Dax enthaltenen deutschen Standardwerte gaben mittlerweile mehr als 60 Prozent preis, und damit etwas mehr als andere europäischen Leitbörsen wie Paris oder London. Das einstige „Wunderkind“, der Neue Markt, hat seit März 2000 sage und schreibe 95 Prozent seiner Marktkapitaliserung eingebüßt, während an der US-Technologiebörse Nasdaq die Kurse in zweieineinhalb Jahren rund 75 Prozent nachgaben. Allein am Nasdaq gingen über 3.500 Millarden US-$ an Wert verloren, was fast einem Zehntel des US-Sozialprodukts entspricht.

....Skepsis

Baisse klingt als Beschreibung für diese Kursentwicklung fast schon niedlich. Begriffe wie Crash, Wertvernichtung von historischem Ausmaß, Börseneiszeit und Blutbad kommen der Wirklichkeit näher. Während selbst noch nach den Terroranschlägen vom September 2001 es nicht nur Weitsicht brauchte, sondern auch eine gehörige Portion Mut, sich gegen die Heerschar von Vermögensberatern, Anlagestrategen, Bekannten und Freunden mit ihren rosigen Szenarien und optimistischen Bemerkungen durchzusetzen, ist die aktuelle Situation ganz anders. Heute richten Investoren den Blick ausschließlich nach unten. Sie fürchten sich nicht nur vor einer erneuten Rezession in den USA – double-dip – und ihren schmerzlichen Konsequenzen für Weltkonjunktur, sondern auch vor unabsehbaren Konsequenzen für die politische Zukunft. Angesichts dieser (Schreckens)Szenarien mehren sich an den Börsen sich die Zweifel, ob das Konsumentenvertrauen, das dies- und jenseits des Atlantiks die Wirtschaft bisher vor dem Abgleiten in eine erneute Rezession bewahrt hat, intakt bleibt.

....Hoffnung

Kommt es aber tatsächlich zur erneuten Rezession und zu der in den Medien immer häufiger genannten Weltwirschaftskrise? Noch verzeichnen Amerika und Europa bescheidenes, aber doch wirtschaftliches Wachstum. Anlaß zur Hoffnung auf eine Stabilisierung der Konjunktur und einen leichten Aufwärtstrend im nächsten Jahr geben darüber hinaus verschiedene Faktoren: Zinssenkungen und Steuererleichterungen in den USA und innerhalb Europas vor allem in Großbritannien haben mehr Vermögen geschaffen, als sie an den Börse verloren gingen. Steuerreformen und Zinsverbilligungen sind auch in Europa lanciert und werden der Wirtschaft Impulse verleihen. Und bei allem Verständnis für berechtigte Unkenrufe muß insbesondere das amerikanische wie auch europäische Finanzsystem als robust angesehen werden, das sämtlichen Enrons, Swissairs, Worldcoms sowie unzähligen Konsorten von der Technologieblase bemerkenswert gut widerstanden hat.

.....und (Börsen)Psychologie

Niemand sollte es somit erstaunen, wenn sich eine wirtschaftliche Erholung, halbwegs politisch stabile Verhältnisse vorausgesetzt, in den kommenden Monaten einsetzt, und dies kräftiger, als es allgemein erwartet wird. Die Anleger sind noch (zu)skeptisch, was angesichts der Kursdebakel der vergangenen zweieinhalb Jahre nicht überrascht. Aber genau so, wie die Euphorie am Höhepunkt der Hausse übertrieben war, erscheint auch die momentane Skepsis fehl am Platz. Dementsprechend wird die Psychologie noch weiter all den verbliebenen Börsenbullen bei den spröd gewordenen Hörnern zurückhalten, und der Kursabschwung wird sich erst dann seinem Ende nähern, wenn Analysten und Anleger die Gravitation von Wirtschaft und Börse wieder respektieren. Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh, ist nach wie vor das Gebot der Stunde.

Nachlese

--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?
--> Schieß’ nicht auf den Analysten!
--> Shares kann go down!
--> Out: Börsengurus ! In: Börsengurus !
--> Über weinpredigende Contrarians und wasserkochende Institutionelle
--> US-Zinsen, bitte steigen!
--> Buy high, sell low......!
--> Wieviel sind 3.500 Milliarden Dollar?
--> Quo Vadis Börse?
--> Wieder Ordnung an der Fußballbörse
--> Auf Resignation naht die Wende
--> Jede schlechte Nachricht hat ihr Gutes
--> Hört die Deflations-Signale

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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