"Je höher die Ebene, desto weniger Frauen"

2. Oktober 2002, 19:00
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Die erste WU-Professorin für BWL, Eva Eberhartinger, im dieStandard.at-
Interview über Frauenkarriere an der Uni

Das Studium der Betriebswirtschaftslehre in Linz absolvierte sie in Mindestzeit, es folgten das Doktorat, ein Post Graduate in England, sowie internationale Studien- und Forschungsaufenthalte, Preise und Förderungsstipendien. Mit 31 Jahren wurde Eva Eberhartinger bereits für eine Professur an die Uni Münster berufen, seit März 2002 ist sie die erste weibliche Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuni Wien. Mit Isabella Lechner sprach sie über Frauenkarriere an der Uni, das neue Dienstrecht und das Image österreichischer StudentInnen im Ausland.

dieStandard.at: Frau Eberhartinger, Sie leiten an der Wirtschaftsuni Wien die Abteilung für Betriebliche Steuerlehre, einem bisher stark männerdominierten Bereich. Wird die WU weiblicher?
Eva Eberhartinger: Ja, doch, das hoffe ich. Je höher man in der Hierarchie steigt, umso geringer ist ja derzeit der Frauenanteil an den Unis. Bei den Studentinnen sind es zwar schon über 50 Prozent, bei den - nach altem Dienstrecht - Vertragsassistentinnen aber schon deutlich weniger, bei den Uni-Assistentinnen nur mehr etwa 20 Prozent und bei den Professorinnen ist ja bekannt, dass es kaum welche gibt.

dieStandard.at: Welche Bedeutung hat es für Sie persönlich, dass Sie als Frau die Stelle bekommen haben?
Eva Eberhartinger: Es hat mich gefreut. Man muss dazu auch sagen, dass die Bewerberinnenlage für Professuren schlecht ist: Es ist ja nicht so, dass sich 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen bewerben und dann kommen immer nur Männer zum Zug. Ich war zum Beispiel für diese Professur meines Wissens die einzige Frau, die sich beworben hat. Aber es ist kein Wunder - schon im Vorfeld, im hierarchischen Aufstieg, werden Frauen immer weniger und jene, die für eine Professur zur Verfügung stehen würden, sind dann einfach sehr rar.

dieStandard.at: Woran liegt es neben der Hierarchiefrage noch, dass Frauen nicht so weit kommen? Oder nehmen sie Chancen auch manchmal nicht wahr?
Eva Eberhartinger: Ich glaube, es sind einerseits sicher nach wie vor wirklich Diskriminierungen, offen oder versteckt, im gesamten Unibereich. Dass den Frauen teilweise weniger Möglichkeiten geboten werden, dass die Frauen nicht so sehr gefördert werden – wobei ich das nicht auf mich beziehe. Ich war davon nicht betroffen, sonst wäre ich nicht mit 31 Jahren Professorin geworden – in diesem Alter ist das auch sicher eine Ausnahme. Aber das heißt nicht, dass andere Frauen nicht davon betroffen wären.

Eine andere Ursache, warum Frauen nicht so häufig in höheren Positionen anzutreffen sind, liegt aber auch einfach in der Tatsache, dass sie nach wie vor familiär engagiert sind. Die Grundsteine der akademischen Karriere werden zwischen 25 und 35 Jahren gelegt und das ist auch die Zeit, in der die Frauen Kinder bekommen. Dann möchten sie oft gerne zuhause bleiben oder zurückstecken, sind vielleicht teilweise durch die familiäre Situation dazu gezwungen, so dass da die vorhandenen Chancen, nicht immer wahrgenommen werden. Ich sehe es teilweise auch selber: Ich habe ein kleines Kind zuhause, mein Mann arbeitet auch voll und da trage auch ich die Hauptlast.

dieStandard: Sie sprachen von Diskriminierungen - ein Beispiel?
Eva Eberhartinger: Ich denke da zum Beispiel an die Listenplatz-Vergabe, also die drei BewerberInnen, die dann in die engere Wahl kommen, kommt es manchmal zur Diskriminierung von Frauen, indem man sie nicht in die Liste, auch nicht an zweite oder dritte Stelle, aufnimmt, obwohl sie entsprechend qualifiziert wären - weil befürchtet wird, einer an zweiter oder dritter Stelle greihten Frau wird aufgrund von Frauenförderungsmaßnahmen der Ruf erteilt – noch vor dem erstgereihten und vielleicht tatsächlich besser qualifizierten Mann. Auch ein zweiter oder dritter Listenplatz würde aber schon ein Plus auf der Karriereleiter bedeuten. Die ursprüngliche Absicht, Frauen durch das Gleichstellungsprinzip zu fördern, wenn sie gleich qualifiziert sind, schlägt hier also ins genaue Gegenteil um. Außerdem gibt es nach wie vor Institute, wo Frauen nicht vorkommen oder eine Rarität sind. Ich glaube das ist deshalb, weil man sie als geringer qualifiziert einschätzt. Es ist nicht unbedingt immer bewusst oder absichtlich, die subjektive Wahrnehmung ist eine andere.

dieStandard.at: Was waren denn ihre Gründe, eine Professur anzutreten und was hat sie wieder von ihrer Professur an der Uni Münster nach Wien zurück gelockt?
Eva Eberhartinger: Grundsätzlich bin ich irrsinnig gerne Professorin, das ist wirklich mein Traumberuf. Ich bin sehr gerne in der Lehre, ich stehe gerne im Hörsaal, es macht mir Spaß, Studierenden etwas beizubringen und sie für das Fach, hoffentlich, zu begeistern. Und ich bin gerne in der Forschung: ich habe in dem Beruf die Möglichkeit, mich mit den Dingen zu beschäftigen, die mich wirklich interessieren und einen Grad an Selbstbestimmtheit, den ich in kaum einen anderem Beruf erzielen kann – nicht einmal als Selbstständige. Und warum ich zurückgekommen bin: In Münster hat es mir sehr gut gefallen, zurückgelockt hat mich dann einerseits, dass ich immer gerne an der WU gearbeitet habe und mich hier sehr wohl gefühlt habe, andererseits war die Rückkehr auch persönlich bedingt, weil mein Mann in Frankfurt und ich in Münster war und wir ein kleines Baby hatten – und hier in Wien bestand die Möglichkeit, die Familie wieder zusammenzuführen.

dieStandard.at: Möchten Sie als Frau strukturell etwas verändern, haben Sie einen anderen Zugang?
Eva Eberhartinger: Nein, ich teile auch die Ansicht nicht, dass Frauen und Männer einen anderen Zugang haben. Ich verwahre mich dagegen, dass den Frauen die sozialen Kompetenzen und damit auch die „weichen“ Disziplinen zugeordnet werden und den Männern das verbleibende Feld. Und deswegen glaube ich auch nicht, dass ich einen anderen Zugang zur Disziplin, zum Fach habe als ein Mann. Das ist vielleicht in anderen Gebieten und Disziplinen anders, aber für mein Fach kann ich das nicht bestätigen.

dieStandard.at: Wie hat die Kollegenschaft das aufgefasst, dass jetzt eine Frau an der Spitze des Instituts ist und Professorin geworden ist?
Eva Eberhartinger: Neutral. Die Zeiten, dass jemand sich abfällig äußert, sind lange vorbei, das wagt man nicht mehr. Was sich die Leute denken, weiß ich natürlich nicht. Andere Frauen haben sich sehr positiv mir gegenüber geäußert. Und am Institut haben sich die MitarbeiterInnen gefreut, weil sie mich ja schon von früher kannten, aus meiner Assistentinnen-Zeit am Institut.

dieStandard.at: Haben Sie das Bedürfnis, Frauen nun mehr einzubinden oder mehr für sie an der Uni tun zu können?
Eva Eberhartinger: Ja, habe ich schon. Ich war auch eine Zeit lang im Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen und ich möchte mich auch in meinem Fachgebiet für Frauen engagieren, aber nicht im Bereich Forschung – da sehe ich auch innerhalb des österreischischen Steuerrechts wenig Raum. In Deutschland wäre das anders, da gibt es ein Steuersystem, wo man durchaus die Frage nach der Diskriminierung der Frau stellen kann, Stichwort Ehegattensplitting. In Österreich haben wir die strikte Individualbesteuerung, sodass sich da für meinen Fachbereich für die Forschung wenig ergibt. Ansonsten gibt es Möglichkeiten bei mir am Institut, als Chefin Frauen zu unterstützen und auch eine Tätigkeit innerhalb der Uni-Organisation kann ich mir gut vorstellen – aber nicht gleich, jetzt bin ich einmal mit dem Institutsaufbau beschäftigt.

dieStandard.at: Stichwort Studienreform an der WU: Wie ist ihre Meinung dazu?
Eva Eberhartinger: Grundsätzlich finde ich die Reform sehr gut. Der erste Abschnitt wird ja nur mehr ein statt zwei Jahre dauern – da werden die Studierenden zum raschen und relativ konsequenten Studium angehalten, um dann im zweiten Abschnitt die Möglichkeit zur individuelleren persönlichen Betreuung zu haben. Und das begrüße ich wirklich sehr. Eine neue Möglichkeit, die ich auch nutze, ist, dass Fächer sich zusammenfinden und ein Kompetenzfeld bilden – bei uns ist es etwa naheliegend, dss sich BWL Steuerlehre mit Steuerrecht zusammentut und da werden wir die zwei Kompetenzfelder „Unternehmensbesteuerung“ und „Internationale Besteuerung“ für IBWL bilden.

dieStandard.at: Ist das wirklich machbar, Kleingruppen, wenn jetzt die Hörsäle teilweise schon überfüllt sind?
Eva Eberhartinger: Man wird sicher verstärkt auf externe Lehrbeauftragte zurückgreifen müssen, mit denen wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben. In Hinblick auf die Hörsaalkapazitäten glaube ich schon, dass das machbar ist, es gibt ja sehr viele kleinere Räumlichkeiten. Es werden auch jetzt wieder Studien in Hinblick auf die Auslastung durchgeführt und man hat zB Hörsäle geteilt, kleinere Einheiten gemacht – also das müsste schon gehen. Wobei Kleingruppen auf der WU 30-40 HörerInnen bedeutet, bis jetzt hieß das plus/minus hundert Studierende.

dieStandard.at: Aus ihrer Erfahrung: Finden sich StudentInnen in anderen Ländern wirklich besser zurecht als unsere? Sind sie besser qualifiziert im Vergleich?
Eva Eberhartinger: Ich habe in den unterschiedlichen Ländern die Erfahrung gemacht, dass österreichische Studenten im Ausland hervorragend abschneiden, dass sie sich sehr gut zurechtfinden, im Studienerfolg sehr gut sind, und dass sie den Vergleich mit ausländischen überhaupt nicht zu scheuen brauchen. Und das liegt gerade am österreichischen Studiensystem - weil es nicht verschult ist, und daran wird sich hoffentlich auch in Zukunft nicht so viel ändern, mit den neuen Plänen. Es basiert sehr stark auf der Eigeninitiative der Studierenden – sie müssen selber wissen wann sie was studieren, wann sie fertig werden wollen, wann sie Diplomarbeit schreiben wollen und, und, und. Dadurch lernen sie, sich zu organisieren, konsequent und selbstständig zu arbeiten. Ich kann das zwar konkret nur für Jus und Wirtschaft sagen, aber es würde mich wundern, wenn es in anderen Fächern anders wäre.

dieStandard.at: Wir haben also nicht so einen schlechten Ruf im internationalen Vergleich, wie das manchmal behauptet wird?
Eva Eberhartinger: Ich weiß, dass da oft geschimpft wird, aber ich kann das wirklich nicht bestätigen. Und wann immer ich mich im Ausland mit ausländischen ProfessorInnen unterhalte, die Erfahrungen mit österreichischen AustauschstudentInnen gemacht haben, dann werden sie sehr gelobt, wie gut und engagiert und gescheit sie sind. Ich bin zwar auch überzeugt, dass man an den asterreichischen Unis vieles besser machen kann, aber das System insgesamt, glaube ich, ist gut.

dieStandard.at: Was sollte man ihrer Meinung nach besser machen?
Eva Eberhartinger: Ich finde zum Beispiel, dass das neue Dienstrecht eine Katastrophe ist. Es kann meines Erachtens nur sehr idealistische junge Leute, die tatsächlich an der akademischen Arbeit an sich interessiert sind und für die finanzielle Erwägungen nur sekundär sind animieren, eine universitäre Karriere einzuschlagen – ansonsten: die Bezahlung ist weit unter marktüblichen Gehältern, die zeitlichen Befristungen und die begrenzten Perspektiven sind kontraproduktiv: Die Gewißheit, auch wenn man sehr gut ist, mit 39 auf die Straße gesetzt zu werden, bietet kein Unternehmen. Es hat im alten Dienstrecht durchaus Probleme gegeben, die es zu ändern galt, ich befürworte die Notwendigkeit eines neuen Dienstrechts, aber das, was da gemacht wurde, ist nicht gut.

dieStandard.at: Sie sind während und nach ihrer Studienzeit sehr viel in der Welt herum gekommen, haben in Deutschland, England, Frankreich, Luxemburg und den USA studiert und geforscht. Wie steht es um Frauen in höheren Positionen an Unis im internationalen Vergleich?
Eva Eberhartinger: In Deutschland empfand ich die Situation gleich oder sogar noch schlechter als bei uns, in der BWL überhaupt. Aber in Frankreich waren zum Beispiel etliche Frauen im Professorinnenstatus, die daneben noch zwei bis drei Kinder zuhause hatten. Ich glaube, das liegt daran, dass die Betreuung auch der kleinen Kinder außer Haus dort wesentlich mehr institutionalisiert ist und es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt – die Kinder gehen dort alle in die Krippe, ohne dass jemand die Nase darüber rümpft, das ist einfach normal.

In Deutschland wird man da, finde ich, noch stärker als in Österreich als „Rabenmutter“ betrachtet, wenn man das tut. In den USA ist es ähnlich wie in Frankreich: Auch da gibt es etliche erfolgreiche Professorinnen, auch mit Kindern. Dort hat das schon viel früher begonnen – dort ist es auch kein Thema mehr, dass Frauen in solche Positionen kommen, weil Gender Mainstreaming ist dort schon viel besser und länger ausgereift als bei uns. Aber ich habe schon den Eindruck, dass sich die Situation in Österreich bessert, auch durch die Frauenförderungsmaßnahmen bei den Berufungsverfahren - die Sensibilität der männlichen Professoren ist schon geschärft, das glaube ich auf jeden Fall. Ich bin zuversichtlich.

  • Eva Eberhartinger:"Es gibt noch immer Diskriminierungen im gesamten Unibereich."
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    Eva Eberhartinger:"Es gibt noch immer Diskriminierungen im gesamten Unibereich."
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