Estlands Freiheit - mühsam erkämpft

20. Oktober 2003, 12:35
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Nach der Vertreibung der Bolschewiken war Estlands Selbstständigkeit 1920 gesichert. Ab 1934 wurde es autoritär regiert.

Estland als deutscher Satellitenstaat, in dem die baltischen Barone die Macht gehabt hätten - das entsprach keineswegs den Wünschen der großen Mehrheit der estnischen Bevölkerung. Die Politiker der Unabhängigkeitsbewegung, allen voran der nationalliberale Jaan Tönnisson und Konstantin Päts, protestierten gegen den Beschluss des Vereinigten Landesrates und nahmen Kontakte mit der Entente auf.

Schon im Mai 1918 anerkannten die Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und Italiens den Maapäev als Vertretung des estnischen Volkes. Der Vereinigte Landesrat glaubte diese Entwicklung ignorieren zu können; noch wenige Tage vor dem deutschen Zusammenbruch 1918 wählte er eine Regierung.

Lenin annullierte bereits am 13. November die Friedensvereinbarungen von Brest-Litowsk, und die Rote Armee setzte zur Eroberung des Baltikums an. Trotz zähen Widerstandes deutscher Truppen und estnischer Freiwilliger fiel am 29. November Narva, und dort wurde die "Estnische Arbeiterkommune" als künftige Sowjetrepublik ausgerufen. Auch Tartu/Dorpat wurde von den Bolschewiken besetzt, und schon hatten sie weite Teile Lettlands unter Kontrolle. Es schien nur noch eine Frage von Wochen, dass ganz Estland verloren war.

In Tallinn hatte Konstantin Päts am 11. November eine provisorische Regierung gebildet. Sie wurde vom deutschen Oberkommandierenden anerkannt. Als Oberbefehlshaber einer künftigen estnischen Armee stampfte der Offizier der früheren Zarenarmee Johan Laidoner eine abwehrbereite Truppe aus dem Boden. Die Estlanddeutschen bildeten ein eigenes Baltenbataillon, auch mit der "weißen" russischen Nordarmee wurde Verbindung aufgenommen.

Englische Kriegsschiffe brachten zwei sowjetische Zerstörer auf und übergaben sie den Esten. Die unmittelbare Bedrohung Tallinns durch die Bolschewiken wurde mithilfe von finnischen Freiwilligen abgewehrt.

Im Jänner 1919 begann der Gegenschlag der Esten. Narva und Tartu wurden erobert, die Rotarmisten mussten sich zurückziehen. Bei Valga/Walk, dem künftigen Grenzort zu Lettland, wurden die "roten" lettischen Schützenregimenter zurückgeworfen. Ende Februar 1919 war ganz Estland von den Bolschewiken befreit.

Im Juni drohte noch einmal Gefahr, als die deutschen Truppen des Generals von der Goltz über das lettische Wenden/Cesis nach Norden marschierten. Bei Valga wurden sie von den Esten zurückgeschlagen, das noch deutsch besetzte Riga lag unter dem Feuer estnischer Geschütze. Nach alliierter Vermittlung kam es zum Waffenstillstand, die Deutschen mussten Riga aufgeben und sich nach Mitau/Jelgava zurückziehen.

Nachdem ein auf Wunsch der Entente vom estnischen Armeechef Laidoner unterstützter Angriff des "weißen" Generals Judenitsch am Widerstand der Bevölkerung Petrograds gescheitert war, kam es zum Waffenstillstand.

Im Frieden von Tartu/Dorpat am 2. Februar 1920 erkannte Sowjetrussland die Unabhängigkeit der Republik Estland "für alle Zeiten" an. Darüber hinaus traten die Sowjets Petseri/ Petschora und einen Gebietsstreifen östlich des Narva-Flusses an Estland ab (alle diese Gebiete wurden 1945 wieder der RSFSR angeschlossen und blieben auch nach der wiedererlangten Freiheit bei Russland).

Noch während des Freiheitskrieges hatte sich Estland eine Verfassung gegeben. Die linke Mehrheit in der konstituierenden Versammlung gab dem Parlament (Riigikogu) fast alle Macht. Der als "Staatsältester" (Riigivanem) bezeichnete Ministerpräsident war zugleich auch Staatsoberhaupt.

Ein reines Verhältniswahlrecht ohne jede Sperrklausel öffnete das Parlament einer Vielzahl von Parteien. Zunächst lag die Mehrheit bei den Sozialdemokraten sowie den Nationalliberalen Tönissons, doch bald wuchs der Bund der Landwirte, den Konstantin Päts anführte, zur stärksten Kraft heran.

Zwischen 1919 und 1934 stellte diese Partei zehnmal den "Staatsältesten" (von insgesamt 21 Regierungen). Bereits im Herbst 1919 wurde durch ein Agrargesetz der gesamte Großgrundbesitz enteignet. Das traf die knapp 1200 Güter der deutschbaltischen Ritterschaft, die 58 Prozent des gesamten Grund und Bodens besessen hatte, aber auch estnische Großgrundbesitzer.

Mehr als die Hälfte des enteigneten Bodens wurde an frühere Pächter und an Neusiedler vergeben. Die Wälder blieben im Eigentum des Staates. Zuvor hatten zwei Drittel der Landbevölkerung keinen Grundbesitz gehabt. Die ehemaligen Gutsbesitzer behielten bescheidene Restgüter.

Als mustergültig galt die kulturelle Autonomie, die Estland allen seinen nationalen Minderheiten gewährte. Die im Gegensatz dazu schlechte Behandlung der den Esten sprachverwandten, ohnedies nur winzigen Minderheit der Liven in Lettland hatte Proteste beim Nachbarn zur Folge.

Die estnischen Kommunisten, zunächst unter anderem Namen als Partei zugelassen, hatten infolge steigender Arbeitslosigkeit bei Lokalwahlen in Tallinn, Tartu und den von Russen bewohnten Grenzgebieten Erfolge. Das verlockte sie, einen Umsturz in Estland zu planen.

Im September 1924 deckte die Polizei in Tartu Putschpläne auf, es folgten Verhaftungen, ein Militärgericht verurteilte 39 zu lebenslangem Kerker, der Gewerkschaftsführer und Abgeordnete Jaan Tomp wurde standrechtlich erschossen. Der sowjetische Gesandte verließ nach Protesten das Land. An der Grenze kam es zu Truppenkonzentrationen.

Am 1. Dezember 1924 besetzten kommunistische Aufständische strategische Punkte in der Hauptstadt, andere versuchten in das Regierungsgebäude auf dem Domberg einzudringen. Die Regierung proklamierte den Kriegszustand, General Johan Laidoner schlug den Aufruhr, an dem sich die Arbeiterschaft kaum beteiligt hatte, binnen weniger Stunden nieder, dreißig Rädelsführer, unter ihnen einige, die erst kurz zuvor aus Russland eingeschleust worden waren, wurden standrechtlich erschossen, die kommunistische Partei wurde verboten.

Manche von ihren nach Russland geflüchteten Parteigängern fielen später den Stalinschen Säuberungen zum Opfer. Zwar hatte Estland seine Entschlossenheit gezeigt, seine Unabhängigkeit zu wahren, doch infolge der großen Anzahl der Parlamentsparteien und des Fehlens eines Staatspräsidenten waren die politischen Verhältnisse instabil, die Regierungen kamen durch wechselnde Parteienkoalitionen zustande und lösten einander kurzfristig ab. Bemühungen des Bauernbundes, eine Präsidentenwahl durch das Volk einzuführen, blieben erfolglos.

Der Ruf nach dem "starken Mann" brachte dem rechtsradikalen antikommunistischen "Verband der Freiheitskämpfer" Zulauf, der Parteien und Parlamentarismus abschaffen wollte. Der Verband fand die Unterstützung von Industriellen für seine Agitation.

In einer neuerlichen Volksabstimmung brachten die "Freiheitskämpfer" 1933 einen Vorschlag durch, der Estland eine reine Präsidialverfassung mit weitgehenden Vollmachten für den Präsidenten bringen sollte. Die Regierung Tönisson trat zurück, Konstantin Päts von der konservativen Bauernpartei sollte mit einem neuen Kabinett die Ergebnisse der Abstimmung vollziehen.

Die "Freiheitskämpfer" hatten durch ihre Agitation für ihren Kandidaten die besten Chancen auf das Präsidentenamt. Das hätte Estland in einen faschistischen Staat verwandelt. Mithilfe von General Laidoner erklärte Päts am 12. März 1934 den Ausnahmezustand, die "Freiheitskämpfer" wurden verboten, ihre Führer verhaftet. Um einen faschistischen Putsch zu verhindern, hatten Päts (der sich ausdrücklich auf das Beispiel des österreichischen Kanzlers Dollfuß berief) und die Armee selbst den Staatsstreich durchgeführt. Päts suspendierte das Parlament und regierte mit Dekreten.

1937 stimmte eine von Päts einberufene Nationalversammlung einem neuen Verfassungsentwurf zu, der ihm nun als bestelltem Staatspräsidenten die legitime Möglichkeit gab, weiter autoritär zu regieren.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22. 9. 2002)

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