Abgesägt, aber nicht kaltblütig

22. September 2002, 20:36
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Reichhold kündigt Verträge der Seibersdorf-Chefs Günter Koch und Wolfgang Pell

Wien - Noch-Infrastrukturminister Mathias Reichhold setzt seinen Wettlauf gegen das Ende seiner Amtszeit fort: Zwar betonte der designierte FPÖ-Parteiobmann, dass es der FP nicht um Ämter und Würden gehe, jedoch an Posten dürfte man interessiert sein. Nach der Brenner Eisenbahn, die wie berichtet überraschend einen zweiten Geschäftsführer bekommt, geht es nun um die Forschungsgruppe Seibersdorf (ARC). Dessen Geschäftsführer-Duo Günter Koch (54) und Wolfgang Pell (42) sollen weichen.

Wie aus der Tagesordnung für die Generalversammlung am 30. September hervorgeht, sollen die im Frühjahr 2003 auslaufenden Vorstandsverträge "im Auftrag von Herrn Bundesminister Mathias Reichhold fristgerecht gekündigt" werden. Am 1. Oktober sollen sowohl der wissenschaftliche Leiter (Koch) als auch der kaufmännische (Pell) ausgeschrieben werden. Nach vierwöchiger Frist wäre damit eine Bestellung noch vor der Wahl am 24. November möglich. Nicht betroffen ist einzig Seibersdorf-Vorstandssprecher, der freiheitliche Exverteidigungsminister Helmut Krünes.

49 Prozent-Eigentümer nicht eingeweiht

Pikantes Detail: Reichhold ließ den 49-Prozent-Eigentümer, ein Syndikat aus 48 Konzernen wie Siemens, Alcatel, Telekom Austria, Böhler-Uddeholm, OMV und Banken, völlig uneingeweiht. Nicht einmal ARC-Aufsichtsratsvorsitzender, Siemens-General Albert Hochleitner, wurde informiert. "So kann man doch mit uns nicht umgehen", zeigte sich Hochleitner im STANDARD-Gespräch empört.

Der Siemens-Chef, langjähriger Begleiter der mit Arsenal Research fusionierten Seibersdorf-Holding, legt sein Aufsichtsratsmandat zurück. Nachfolger soll nicht OMV-Vize Gerhard Roiss, sondern der Ex-OMV-Chef Richard Schenz werden, heißt es.

Abgesägt, aber nicht kaltblütig

Vorwürfe, Koch und Pell würden "kaltblütig abgesägt, weist das Reichhold-Ministerium scharf zurück. "Die Positionen werden ausgeschrieben und die Herren können sich bewerben - wie alle anderen auch", sagte eine Sprecherin. Automatische Verlängerungen gibt es nicht.

Der Konflikt kommt nicht unerwartet: Die Partner gerieten einander schon vor Monaten über die künftige Strategie in die Haare. Die ARC-Holding, vor wenigen Jahren noch ein Sanierungsfall, hat sich erfolgreich internationalisiert. Nun, da es gilt, um die Millionen des sechsten EU-Forschungsprogramms zu rittern, sollte "verländert" werden. Damit wäre der Industrie-Anteil an Seibersdorf zugunsten der Länder verwässert worden. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2002)

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