Ansichten aus dem Container

20. September 2002, 20:18
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Beinahe ein Systemabsturz: Paul Divjaks "schattenfuge"

Wir weinen nicht. wir fühlen nichts." Bereits die ersten beiden Sätze sprechen einen Mangel an emotioneller Beteiligung aus. Hier erzählt einer im Plural von sich und seiner Welt, die nur durch den Filter der eigenen Subjektivität Formen annimmt. Es handelt sich um einen jüngeren Mann ohne genaues Alter. Er ist antriebslos, durch seinen Alltag abgestumpft, den er aber trotzdem irgendwie bewältigt. Ein Container ist sein Arbeitsplatz - vielleicht sogar noch mehr als das, sieht er doch nicht gerade klar heraus aus diesem Innenraum - in einem nicht näher beschriebenen Land, das Jugoslawien (oder einer seiner Nachfolgestaaten sein könnte), das jedenfalls totalitäre Züge aufweist.

schattenfuge, das dritte Buch des österreichischen Autors und Künstlers Paul Divjak (nach eisenbirne und lichtstunden ), dringt in knappen, fragmentarischen, sehr rhythmisch komponierten Absätzen in eine Art Reflexionsraum ein. Realitätspartikel, im Sinne von (Wahrnehmungs-)Bildern einer äußeren Umgebung, kreisen darin - Divjak skizziert schemenhaft eine politisch unruhige Zeit, mit regelmäßigen Demonstrationen, polizeilichen Übergriffen. Diese Impressionen durchmischen sich mit einem persönlicheren Erzählstrang über die Krise und das drohende Ende der Liebe zu einer Frau namens Dragica. Sie werden sich fremd, ganz schleichend passiert das, ohne ein zwingendes Ereignis.

Privates und Öffentliches werden dabei beinahe ununterscheidbar voneinander - ob hier jemand sein Innenleben nach außen projiziert oder die Ebenen sich nur zufällig ergänzen, bleibt ungewiss. Dazu kommt ein rhetorischer Gestus, mit dem Divjak konstant Distanz aufrecht erhält, mittels sprachreflexiver Einschübe ("die worte, verdichtet auf papier, machen geschichte deutlich.") oder dem Offenbarmachen dramaturgischer Muster. Das erweckt den Eindruck, als sei dem Text die kritische Haltung zu jeder Erfahrung bereits implizit, als müssen "authentische" Momente mit einem Verrat an den Worten gesühnt werden - die ja beliebig bleiben.

Divjaks Montageverfahren könnte man filmisch nennen - er macht auch Kurzfilme (Sonnenland ) und Videoinstallationen - aber es wäre ein Film mit einigen falschen Anschlüssen. Das "Wir" des Erzählers ist so auch eines, das sich auf diverse Möglichkeiten alternativer Leben stützt, von denen keines realisiert wird. Der zweite Teil der Erzählung wechselt zwar in die zweite Person Plural (und in eine nahe Zukunft), nicht allzu viel ist jedoch verändert: Eine neue Frau ist an der Seite des Mannes, Milica; und hinzugekommen ist die Sehnsucht nach dem Vergangenen, einer Zeit, die ihn nun in Gestalt von Dragica heimsucht. Da löst sich auch die anfängliche Gefühlsbarriere wieder auf.

Man sollte jedoch keine Linearität suchen, wo es um Erfahrungen geht, um Schatten, die Erinnerungen auf die Gegenwart werfen - für die Unentschlossenheit seines Helden, seine schwankenden Launen, seine zwischenzeitliche Existenz findet Divjak immer wieder treffende Sprachbilder, die er mit wenigen Worten schafft. Irgendwann beginnen sich die Ereignisse der Außenwelt zu überstürzen ("ein erzähler übernimmt die narration, er verspricht eskalation am morgen."). Damit verengt sich auch der Raum der Reflexion, die Orientierungslosigkeit wächst. Aber kein endgültiger Absturz folgt, wie man erwarten würde, das Unerwartete "inszeniert" Divjak dadurch, dass überraschend die Flucht gelingt. Dass jedoch gerade in New York das Glück für diesen grüblerischen Menschen zu finden ist - das geld, die produkte. lifestyle und sex -, kann man allerdings nicht anders als ironisch verstehen.

(Von Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD; Printausgabe, 21.09.2002)

Paul Divjak, Schattenfuge. EURO10, 90/96 Seiten. edition selene, Wien 2002.
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