Die Kolonisatoren im Habsburgerreich

20. September 2002, 20:21
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Kolonialisierung der Kronländer durch das Zentrum nur ein Mythos? Ein Symposion stellt neue Fragen

Wien - Wissenschafter stehen oft vor der Frage: Kann ein Klischeethema noch neu betrachtet werden? Die Naturwissenschaft hat es hier einfacher: Die seit Jahrzehnten untersuchte Fruchtfliege etwa lässt weiterhin genetische Entdeckungen erhoffen. Aber was machen Geisteswissenschafter mit einem alten Thema wie "Habsburgermonarchie"? Verklären, verdammen?

Es hängt primär von Fragestellung und Methoden ab. Ein am Samstag endendes Symposion im Palais Schlick (Türkenstraße 25) versucht Neues: "Die Habsburgermonarchie: Ein Ort der inneren Kolonisierung?" Wurden die Einzelländer kolonisiert, lassen sich auf sie die "(Post-)Colonial Studies" anwenden? - Nicht so einfach wie im Titel:

So zeigte der Slawist Stefan Simonek, dass schon das Sprechen von Kolonisierung ein sprachloses Objekt voraussetzt, das von einem Zentrum aus unterdrückt wird. Exakt so kamen die Kronländer in deutschsprachigen Reiseberichten vor; slawische Quellen aber zeigen anderes: Für Ukrainer etwa waren nicht primär die Habsburger in Wien das Problem, sondern unterdrückende Polen. "Die kolonialistische Perspektive ist nicht an Kolonien gebunden, sondern subdominante Gruppen setzen sie weiter nach unten durch."

Diese Einsicht böte viele Anschlussmöglichkeiten für gegenwärtige Probleme in der Minderheitenpolitik, wo Gruppen oft schnell auf einen Minderheitenstatus eingeengt werden.

Gegen solche Reduktion und das zu simple Zentrum-Peripherie-Schema polemisierte auch Robert Lufts Vortrag zu Böhmen und Mähren: Sowohl industriell wie kulturell hatten beide Länder keine Randstellung und waren auch kulturell - in innovativer Architektur - dem Zentrum in Wien voraus. Umgekehrt wirkte der eigene tschechische Nationalismus als kolonisierend, weil er nur noch binäre Entscheidungen zuließ und ein "Dazwischen" (etwa Deutsch sprechende Böhmen) verunmöglichte. Nach 1918 aber sei gegenteilig ein Mythos der Kolonialisierung durch das Zentrum entstanden. - Ein Symposion, das sympathisch sich selbst dekonstruiert. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22. 9. 2002)

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