Gerührt, geschüttelt

22. September 2002, 19:06
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21./22.9.2002 - Heftige Diskussionen löst derzeit die Erinnerung an die jüngsten Bilder der Rührung und des Abschiednehmens im Parlament aus ...

... Schüssels Huldigungen, Riess-Passers Größe, Westenthalers Tränen: Sie ließen auf teilweise tatsächlich anrührende Weise den Schluss zu, dass sich die heimische Innenpolitik von einer der anständigsten, arbeitsamsten, sachlichsten Regierungen aller Zeiten verabschiedet hat.

Dieser Eindruck verfestigte sich noch dadurch, dass die Oppositionspolitiker ganz offenkundig von der allgemeinen Wehmut derart angesteckt waren, dass sie auf Riess-Passers Dankesrede bestenfalls mit schnoddrigen Kurzkomplimenten zu antworten vermochten. Es stellt sich also die Frage, wie weit Stil und Anstand nicht doch auch einen kritischen Kommentar zu diesem Abschied zugelassen hätten. Ob es stillos gewesen wäre, die Party mit Erinnerungen an weniger große und würdevolle Momente der Vergangenheit zu stören.

Von der medialen Seite her gesehen könnte man sagen, dass sich mit dieser Inszenierung ein Bild des Anständigen verfestigt hat, das vorher bereits in unzähligen Interviews manipulative Behauptung war. Überzeugungsarbeit wurde zur Überzeugung. Die Paralyse, in die die Opposition vor dieser seit langem permanent verfiel, wurde diesmal quasi auf engstem Raum manifest. Man könnte auch sagen: Ein Image, das schon x-fach verfeinert über unsere Bildschirme flimmerte, hat - siehe Westenthaler - die einen überwältigt und die anderen - siehe Rot und Grün - erschlagen. (cp/DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.9.2002)

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