Fleischer, Köche, Kellner gesucht

20. September 2002, 20:14
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Trotz massiver öffentlicher Förderungen ziehen sich Betriebe aus der Lehrausbildung zurück - mit Grafiken

Wien - "Karriere mit Lehre", das war früher einmal. Annähernd 95 Millionen Euro machte die sonst so sparsame öffentliche Hand allein im Jahr 2001 locker, um heimischen Unternehmen die Aufnahme von Lehrlingen wieder schmackhaft zu machen - offenbar vergebens.

Zwischen August 2001 und August 2002 sank die Zahl der offenen Lehrstellen um 17 Prozent auf 3252. Für Experten nicht weiter überraschend, denn seit 1980 haben sich fast 25.000 Unternehmen aus der Lehrausbildung verabschiedet. Die Zahl der Lehrlinge sank seither um 70.000 auf rund 124.000.

Auch das jüngste Lehrlingspaket der scheidenden Bundesregierung wird an diesem Trend nichts ändern, sagen Fachleute.

"Es ist wichtig, etwas gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu machen. Aber einzelne finanzielle Föderungen bringen nichts gegen den langfristigen Trend des schrumpfenden Lehrstellenmarktes. Das ist Augenauswischerei", sagt Lehrlingsexperte Hans Hruda vom Arbeitsmarktservice Österreich. Er plädiert für wesentlich breitere Berufsbilder statt der bisherigen "Schmalspurausbildungen" der Mar- ke "Straßenerhaltungsfachmann/frau".

Neben diversen anderen Erleichterungen hat Schwarz-Blau noch rasch eine Prämie von 1000 Euro für jeden der 124.000 Lehrlinge als Gesetz verabschiedet. Dabei hat die Wendekoalition selbst der Lehrausbildung den Rücken gekehrt, wie der SP-Abgeordnete Johann Maier seit einer parlamentarischen Anfragebeantwortung weiß.

Wurden 1998 im Lehrberuf "Verwaltungsassistent" 259 Jugendliche in den diversen Ministerien aufgenommen, waren es 2001 gerade 51 und heuer überhaupt nur noch 19. Maier: "Und von jenen Verwaltungsassistenten, die in den vergangenen Jahren aufgenommen wurden, wurden die wenigsten nach der Behaltefrist weiterbeschäftigt."

Aber: Trotz des Rückzugs des Staates, trotz der Schließung der großen Lehrwerkstätten in der Industrie und trotz des Beschäftigungs- und damit Lehrlingsabbaus im Gewerbe mangelt es in einzelnen Berufen an Lehrlingen.

Paradoxe Situation

Speziell im Tourismus fehlt der Nachwuchs an Köchen und Kellnern (neuerdings: Restaurantfachmann/frau). Aber auch dutzende Lehrplätze für angehende Fleischer, Glaser oder Stahlbauschlosser bleiben unbesetzt. Hruda: "Im Tourismus gibt es bei den Jugendlichen die gleichen Mobilitätshemmnisse wie bei den Erwachsenen. Dazu kommt die Angst aufgrund des Saisonscharakters der Branche, später zweimal im Jahr arbeitslos zu werden."

Gleichzeitig fehlen aber bundesweit (über alle Branchen) 5000 Lehrplätze. Zwei krasse Beispiele: 475 Jugendliche setzen auf den "Zukunftsjob" EDV-Techniker, aber es gibt in ganz Österreich gerade 16 freie Lehrplätze. Oder: 647 Schulabgänger glauben ihr Berufsglück als Kfz-Techniker zu finden - bei 31 vorhandenen Lehrstellen.

Dazu sagt Wifo-Experte Ewald Walterskirchen: "Analog zur Technologieförderung sollte die Politik im Lehrlingsbereich nicht mit der Gießkanne, sondern im höher qualifizierten Bereich knappe Berufe fördern." (Michael Bachner/DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2002)

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