Übung im Grillenlauschen

20. September 2002, 20:08
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Bemühtes Nichtwollen: Sven Lagers Roman "im gras"

Der Sommer, das war immer Monica. Schon als Kind ist Ben jedes Jahr auf Urlaub nach Schweden gefahren, um den Sommer bei Monica zu verbringen. Die um einige Jahre ältere Frau, eine Verwandte, wird seine erste Liebe und bleibt eine enge Freundin. Jahr für Jahr ist er wieder gekommen, als Kind, als Jugendlicher, als Junge, als Mann, jeden Sommer haben sie sich geteilt, sind im Gras gelegen, im Meer geschwommen, haben gequatscht. Irgendwann hat er dann seine gerade aktuellen Freundinnen mitgebracht.

Wenn man auf Gewohnheiten so wehmütig zurückblickt, wie es der Ich-Erzähler in Sven Lagers Roman Im Gras ausführlich tut, dann heißt das meist, dass Gewohnheiten aufhören Gewohnheiten zu sein. Dass irgendetwas den ruhigen Fluss des Selbstverständlichen durchbrochen hat. Was könnte das gründlicher erledigen als der Tod.

Ben, ein wenig ambitionierter aber doch erfolgreicher Maler, ist gerade in Bangkok angekommen, als er völlig überraschend erfährt, dass Monica, die mittlerweile in Spanien lebt, im Sterben liegt. Die Konstruktion des Romans will es, dass Ben selbst ans Bett gefesselt ist. Seine Freundin fährt ans Meer, er bleibt allein zurück in der Stadtwohnung und dämmert sich in eine Welt der Erinnerungen an die Sommer mit Monica zurück. Und muss feststellen: "Was weiß ich von Monica? Nichts."

Sven Lager, der mit seiner Lebensgefährtin Elke Naters, Gastgeber beim entspannten Geplappere im Internetforum "am pool" war, kommt vom Herumlungern am Pool einfach nicht los, da hilft auch kein Herbeizitieren des Todes, keine existentielle Tragik, die der Text suggerieren will. Lagers zweiter Roman ist ausufernde impressionistische, und recht selbstverliebte Prosa geworden. Sein Blick auf die Welt ist erstaunlich leer und so unspezifisch, als wäre er nie dort gewesen. Der einzige der noch weniger wahrnimmt ist wohl Michel Houellebecq, der schreibt in Plattform gleich gelangweilt aus Thailand-Reiseführern ab. Bangkok ist bei Lager, der abwechselnd in Berlin und Bangkok lebt, "eine Stadt, an die man sich zu schnell gewöhnt, an ihren Verkehr, ihren Lärm und ihre Dichte, durch die man sich geschmeidig bewegt", der schwedische Sommer "wispert mit einer dünnen Stimme, er nuschelt leise, er schweigt". Die Anstrenung dieses Buches liegt in seinem etwas bemühten Nicht-Wollen: "An nichts zu denken fällt mir nicht schwer. Es ist eine Übung des Sommers. Im stillen Gras zu liegen und den Grillen zu lauschen." Wem das über 230 Seiten lang genügt, der wird Im Gras als Meditationsübung sehen und vielleicht sogar mögen.

(Von Karin Cerny/DER STANDARD; Printausgabe, 21.09.2002)

Sven Lager, Im Gras. EURO 9,20/232 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002.
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