Ein Tod zur Unzeit

20. September 2002, 19:46
posten

Stephen Carters neuer Thriller

Eine Mischung aus Familiensaga und Krimi hat sich in die amerikanischen Bestsellerlisten katapultiert: das Besondere an Schachmatt ist, dass der Autor, ein prominenter Vertreter der Juristenzunft, aus der schwarzen Oberschicht stammt. Das ergibt notwendigerweise einen anderen Blickwinkel auf Gesellschaft und Staat und auf die unschönen Rangkämpfe innerhalb der Universität.

Der Held der Geschichte, ein Jusprofessor an einer prominenten Universität, leidet an seiner kriselnden Ehe. Seine Frau, ehrgeizig und begabt, rechnet sich Chancen auf eine Berufung an den Obersten Gerichtshof aus. Nicht zu Unrecht. Schließlich ist sie eine Frau und schwarz, das könnte, muss aber nicht, ein Bonus sein. Talcott bemüht sich, seine Frau zu unterstützen. Das Vorleben der beiden muss makellos sein, werden doch vor einer Berufung Familie und Bekannte der Kandidaten vom FBI ausgefragt. Mitten in dieser heiklen Phase stirbt der Vater Talcotts, ein berühmter Jurist, angeblich an einem Herzinfarkt. Talcott und seine Schwester sind sich nicht sicher, ob der Familientyrann nicht ermordet wurde, zumal bald geheimnisvolle Leute auf der Suche nach noch geheimnisvolleren Dokumenten sind. Talcott kommt allmählich hinter das korrupte Doppelleben des Übervaters, und je mehr er entdeckt, desto mehr entfernt sich seine Frau von ihm. Sie kann jetzt keine Skandale brauchen und ihr offenbar durchgeknallter Ehemann, den sie ohnehin schon seit geraumer Zeit betrügt, erregt mit seinen paranoiden Verschwörungstheorien unliebsames Aufsehen.

Carters komplizierte Schnitzeljagd durch die Abgründe der Politik und der menschlichen Raffgier ist bevölkert von rechtskonservativen Ansichten, christlicher Innerlichkeit und einer Art Hassliebe zur Welt der Weißen. Einerseits verabscheut Talcott die offenen und versteckten Diskriminierungen und ist sich der langen, leidvollen Geschichte der Schwarzen stets bewusst. Andererseits verabscheut er die betont Liberalen, die er mit ihren gönnerhaften Attitüden als genauso rassistisch empfindet wie die Konservativen.

Die Welt der reichen Weißen hat trotzdem ihre verführerischen Reize. Man übernimmt ihre Statussymbole und Konsumgewohnheiten und beklagt sich, wenn immer mehr dahergelaufenes Touristengesindel die Splendid Isolation des Landsitzes auf Marthas Vineyard stört. Talcott ist nur widerwillig bereit den erfolgreichen Ehemann seiner Schwester zu akzeptieren, der ein Weißer ist, registriert aber dennoch penibel den Luxus, den sich das Ehepaar leisten kann. Zwiespalt und Ambivalenz, wohin man schaut. Auch wenn Carter betont, dass das Buch nichts mit seiner Biografie zu tun hat, sind doch unverkennbar persönliche Befindlichkeiten mit eingeflossen.

Als bloßer Thriller ist Schachmatt nicht herausragend, vor allem dem letzten Drittel hätten rigorose Kürzungen gut getan. Als Zustandsschilderung einer dünnen elitären Oberschicht ist das Buch schon wesentlich interessanter. Dass beharrlich, aber offenbar politisch korrekt von der "dunkelhäutigeren Nation" die Rede ist, wirkt noch ziemlich gewöhnungsbedürftig.

(Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 21.09.2002)

Stephen Carter, Schachmatt. Aus dem Englischen von Jobst-Christian Rojahn und Hans-Ulrich Möhring. EURO 24,70/854 Seiten. List, München 2002. 3471772561
Share if you care.