Spree-Athen oder Pop-Satyrspiel

20. September 2002, 21:17
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Zwei Bücher über Berlin beleuchten Vergangenheit und Gegenwart einer Metropole im Umbruch

Mit der "Berliner Republik" scheint es, ehe sie sich recht versehen konnte, auch schon wieder vorbei. Es hat gerade gereicht für den Regierungsumzug und einen Exzess der Spekulationswirtschaft, inzwischen ist die Krise der Institutionen und die Inflation des symbolischen Kapitals unübersehbar. Manche suchen in den Nobelrestaurants am Gendarmenmarkt nach den letzten Augenzeugen der neuen Mitte, andere stehen nachts vor der Toren der geschlossenen Klubs.

In dieser Situation kommt ein Buch sehr gelegen, das eine ganz ähnliche Ernüchterung beschreibt, die sich allerdings vor zweihundert Jahren und in einem intellektuellen Umfeld von größerer Bedeutung als heute einstellte. Der amerikanische Germanist Theodore Ziolkowski beschreibt in Berlin. Aufstieg einer Kulturmetropole um 1810 jenes fiebrige Jahr, das mit dem Begräbnis der preußischen Königin Luise im Juli 1810 begann und mit der Einstellung der kurzlebigen Berliner Abendblätter zwölf Monate später endete.

Heinrich von Kleist gab sich nach einer ersten Woche der Anonymität bald als der Herausgeber dieser neuen Zeitung zu erkennen, die als ihre Ziele "Unterhaltung aller Stände des Volkes" und "Beförderung der Nationalsache" nannte. Um die Nationalsache stand es schlecht, weil Preußen aus dem epochalen Schatten Friedrich des Großen herausgetreten, aber nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806 direkt in die Demütigung durch das napoleonische Frankreich geraten war. Kleist reagierte auf die politische Situation, indem er nicht ein weiteres Intelligenzblatt herausgab, sondern eher einen Chronikteil für das tägliche Leben Berlins, der abends erschien. Darin wurden aber die ästhetischen Phänomene der Zeit auf hohem Niveau verhandelt, wobei es zu durchaus heftigen Kontroversen zum Beispiel um einen Aufsatz Clemens Brentanos über Caspar David Friedrich kam.

Entscheidend aber war, was Ziolkowski die "Journalisierung der Kunst" nennt, der eine umfassende "Literarisierung der Öffentlichkeit" entsprach. An diesem Selbstgespräch der Stadt als Metropole einer (künftigen) deutschen Nation nahmen alle bedeutenden Intellektuellen teil, aber nur für kurze Zeit fanden sie jenen (feuilletonistischen) Ton, in dem sich die Diskurse auf geniale Weise vermischten.

Mit "dem Weggang von Schriftstellern wie Brentano und Müller, mit der Abkapselung Zurückgebliebener wie Arnim und Fouqué, mit der (jedenfalls vorläufigen) Abwendung Gelehrter wie Savigny und Niebuhr von der Gegenwart und ihrer Vertiefung in die römische Vergangenheit, mit der zeitraubenden Auseinandersetzung über theoretische Fragen zwischen Kollegen wie Fichte und Schleiermacher - mit all diesen Faktoren konnte die intensive Literarisierung der Öffentlichkeit (...) nicht weitergehen. Eine Ära war vorbei. Erst die Befreiungskriege sollten eine andere auslösen."

In Ziolkowskis Zuspitzung nimmt sich das "Spree-Athen" des Jahres 1810 wie ein intellektuelles Heldenepos aus, zu dem die Berliner Gegenwart zwischen 1998 und 2002 ein Pop-Satyrspiel gegeben hat, das von ganz ähnlichen Motiven geprägt war. Die Jahre dazwischen sind bei David Clay Large nachzulesen, der in Berlin. Biographie einer Stadt mit der Reichsgründung 1871 einsetzt und bis zu Kanzler Schröder kommt, von dessen Ab- oder Wiederwahl auch nicht wenig abhängt, wie sich Berlin in den nächsten Jahren entwickeln wird. David Clay Large erzählt extensiv (und auch ermüdend konventionell), während mit Ziolkowskis essayistischem Buch die Gegenwart des lesenden Publikums eine Tiefenschärfe bekommt, angesichts derer viele Nachrufe auf den Popjournalismus so bieder erscheinen, wie sonst nur dieser selbst sein konnte. (Bert Rebhandl/DER STANDARD; Printausgabe, 21.09.2002)

  • Theodore Ziolkowski, Berlin. Aufstieg einer Kulturmetropole um 1810.
EURO 22/70323 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2002.
    verlag

    Theodore Ziolkowski, Berlin. Aufstieg einer Kulturmetropole um 1810. EURO 22/70323 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2002.

  • David Clay Large, Berlin. Biographie einer Stadt. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. EURO 35,90/656 Seiten. Beck, München 2002.
    verlag

    David Clay Large, Berlin. Biographie einer Stadt. Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. EURO 35,90/656 Seiten. Beck, München 2002.

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