Provokation und Tradition

20. September 2002, 19:05
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Vorschau: Messen zeitgenössischer und moderner Kunst in Berlin und Paris

Interessenten an zeitgenössischer Kunst bereiten sich wieder auf ihren alljährlichen Herbstmarathon vor, der nächste Woche, am 26.9., mit dem siebenten Art Forum Berlin, der Messe für Gegenwartskunst, beginnt (bis 30.9.). Paris folgt mit der FIAC (Foire International d'art contemporain), der zeitgenössischen Kunstmesse, vom 24. bis 28.10. In Berlin stellen heuer weniger Galeristen aus als im Vorjahr: 152 Galerien aus 25 Ländern (2001: 172). Der Anteil der internationalen Galerien, 88, ist beachtlich und zeigt die solide Verankerung dieser Probebühne für jüngste Kunst, die häufig noch eng mit der Subkultur verbunden ist. Ihr erfrischender, frecher Aspekt wird auch wieder an den Gemeinschaftsständen, die die alphabetische Reihung der Kojen aufbricht, zu spüren sein. Die traditionell starke Beteiligung skandinavischer Galerien wird auch heuer mit 18 Ausstellern fortgeführt.

Die USA ist mit einem Kontingent von 11 Galeristen vertreten. Russland, Polen, Tschechien, Ungarn und Slowenien treten heuer stärker in den Vordergrund als bisher. Die auf der Manifesta in Frankfurt vorgestellten, bzw. auf der Documenta in Kassel aufgewerteten Künstler werden natürlich mit diesem besonders edlen Verkaufsargument in den Vordergrund gerückt. Erstmals nimmt die renommierte Pariser Avantgarde-Galerie Yvon Lambert am Art Forum Berlin teil. Lambert fördert seit 30 Jahren minimalistische Tendenzen der Kunst. Das zeitgenössische Museum in Avignon mit den Titel Collection Yvon Lambert (das die Privatsammlung des Galeristen zeigt), beweist dies ebenso wie die Pariser Galerie, die zu den mutigsten der Seine-Stadt gehört.

Auf der FIAC wird dem Besucher im allgemeinen weniger Provokantes geboten als in Berlin, denn die Pariser Tradition bietet immer zeitgenössische, aber auch moderne Kunst, d.h. kommerziell sichere Werte. 170 Galerien aus 19 Ländern beteiligen sich heuer an der FIAC, die vom 24. bis 28.10. in den Messehallen an der Porte de Versailles stattfindet. Aus den USA reisen 13 Galeristen an, aus England 12, die Deutschen sind mit elf Galerien vertreten und Österreich mit sieben. Chobot, Hilger, Krinzinger, die Galerie Nächst St. Stephan, Ropac und Thoman, sowie Klaus Engelhorn, der in der Avantgarde Abteilung mit dem Titel "Perspektiven" aufgenommen wurde, werden österreichische und internationale Künstler auf der 29. FIAC präsentieren.

Um die Struktur jedes Jahr etwas zu verändern, hat das Organisationskomitee COFIAC die Kunstmesse heuer in fünf Sektoren unterteilt: die Gegenwartsproduktionen, "Perspektiven" genannt, mit 14 Galeristen, One Man Shows (ein kaufmännisch riskantes, aber für die potentiellen Sammler sehr schlüssiges Prinzip), Group Shows, Kunstverlage, sowie die voriges Jahr erstmals projizierten Künstlervideos in einem Spezialareal, dem "Video-Cube". Selbstverständlich nehmen auch in Paris die Fotogalerien einen immer größeren Raum ein, kommen doch viele neue Seh-Impulse (oder Anstöße) von den Fotokünstlern.
(Olga Grimm-Weissert/DER STANDARD; Printausgabe, 21.09.2002)

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