Schweigegelübde für die Zahlungskraft

22. September 2002, 22:55
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Die Politik der "Nichtraunzer-Zone"

Es hat eines Werbespots in merkwürdig ausgewaschenen Farben bedurft, um die Durchdringung der öffentlichen mit der privaten Sphäre schlagartig vor Augen zu führen. Gezeigt werden auf fast allen Fernsehkanälen Flaneure unterschiedlichen Lebensalters, die, angeregt plaudernd, ihren nicht näher bezeichneten Unmut äußern. Gehen regt bekanntlich nicht nur die Verdauung an, sondern lässt bei manchen auch das Geimpfte aufgehen.

Nur beim Passieren einer weißen Plakatfläche, der so genannten "Nichtraunzer-Zone", verstummen die Spaziergeher, als hätte ein eifersüchtiger Gott ihnen die Stimmbänder durchgeschnitten.

Nach Verlassen dieser offenbar magischen Zone beleben sich ihre Organe wie von Zauberhand berührt aufs Neue: Das Geschnatter und Babygeschrei alter wie zukünftiger Musterdemokraten füllt mit frischer Inbrunst die verödete Stadtlandschaft. Diese muss man sich, im Sinne des werbenden "Kuratoriums für den Aufschwung", als Testgelände für stille Konsumgenießer vorstellen.
Schwer wiegt der Tatbestand: Das Heer der Unzufriedenen würgt mit seinen losen Reden den heiß ersehnten Aufschwung ab! Nicht länger gilt die ungeschriebene Regel, wonach man seine private Meinung auch noch dann kundtun darf, wenn man den öffentlichen Raum lediglich als Verkehrsweg benutzt.

Am ausgeprägten Kontrollehrgeiz des Kommerzes gehen ausgerechnet die Kategorien des Politischen zuschanden. Denn für gewöhnlich äußert man sein Unbehagen in der sicheren Hut der eigenen vier Wände - und beansprucht noch am Biertisch die Annehmlichkeiten von Intimität.

Es hat des Primats der Wirtschaft über die Politik bedurft, um das "Haus", diesen überkommenen Fluchtort vornehmlich reproduktiver Tätigkeiten, mit dem Meinungsmarkt, der klassischen "Polis", zu vertauschen.

Von dieser schnöden Verwechslung zehrt, mit Blick auf den deutschen Urnengang, auch noch der veröffentlichte Diskurs der Wahlkämpfer. Denn wie immer sich die Deutschen letztendlich entscheiden mögen: Gerhard Schröder hat seine erstaunliche Aufholjagd mit dem Gehabe des milden, ein bisschen freisinnigen Hausvaters gestartet, dessen bloße Anwesenheit im Überschwemmungsgebiet ein Lächeln in die Gesichter der obdachlos Gewordenen zaubert.

So einen hätte man auch gerne, mit Cohiba oder nicht, daheim am Küchentisch sitzen. Wie enervierend dagegen der Herausforderer, der im Tone eines christkatholischen Steuerbürokraten die endlose Liste der Abgaben herunterbetet: "Derrrrr Mittel-stand . . ."

Daheim beim Kanzler

Undenkbar, dass Stoiber sich oder den nächsten Umstehenden einen Einblick in sein armes Herz gestattete. Wie erwärmend dagegen der Werbespot, der den Kanzler bei der nächtlichen Erledigung der Hausaufgaben am Schreibtisch zeigt. Es scheint, als wären die Agenden der "res publica" restlos privatisiert worden: in einem affektiven, auf Sympathie und Nähe abzielenden Sinn. Die Stimmen der Unzufriedenen sind mit einem solchen Bedürfnis nach Unterschlupf im Nussholzbett der Regierenden nicht mehr länger synchronisierbar.
Die Kritik an der schändlichen Verwirrung der Kategorien dringt freilich tiefer. Schon Hannah Arendt wusste, dass der vermasste Mensch lückenlos in ein Korsett aus Arbeit und Konsum gezwängt wird: Das "verwaltete Ich" ist nicht länger Herr im eigenen Haus. Zum Nörgeln findet sich da keine Zeit.
Wohin aber mit dem letzten Rest freier, privater Rede, wenn an ihr bereits der Verdacht der Unbotmäßigkeit nagt? Soll man sich ernsthaft daran erinnern, dass es die Entwicklung des Handels war, der die großen Aufklärer wie Montesquieu eine durchschlagende sittliche Wirkung zusprachen?

Das Motto des Aufschwungs steht auf keinem Plakat geschrieben. Es heißt: Raunz nicht! Kauf!

(Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 21.09.2002)
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