Seid ihr alle da?

21. September 2002, 13:02
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Heute wird "Wake up", ein Musical von Rainhard Fendrich und Harold Faltermeyer, im Wiener Raimundtheater uraufgeführt. Besuch bei einer Fotoprobe

Wien - Ein Weltereignis ist nur dann eines, wenn die Welt auch davon erfährt. Im Raimundtheater zu Wien müht sich Samstagabend eines zu ereignen, das Showbiz-Musical Wake up! von Rainhard Fendrich und Harold Faltermeyer (Story: Abgehalfterter Showstar erweckt Komatöse durch Song wieder zu Bewusstsein) feiert ebendann und -dort seine Welturaufführung. Damit zahlende Gäste aus aller Herren und Damen Länder schon vorab von der Unternehmung Kenntnis nehmen können, wird wie üblich eine so genannte Fotoprobe abgehalten.

Kameramänner und Fotografen diverser Zeitungs- und TV-Redaktionen werden für ein mediales Schnupperstündchen ins Theater gebeten, drei Nummern werden präsentiert. Die Kameras filmen, die Fotoapparate fotografieren, damit dann vor der Premiere bildunterstützt berichtet werden kann: Achtung, da kommt was! Ein Ereignis! Wake up!

Das Eintrudeln

Bei der Fotoprobe ist zuallererst einmal niemand da. Es ist ein sehr schöner Spätsommervormittag, und langsam trudeln ein: die Kameramänner, sie postieren sich links und rechts. Die Fotografen sitzen vorne mittig, vor dem Regie- und dem Technikpult. Die Pressedamen versorgen die Presseleute mit Informationshäppchen und Interviewzusagen. Zehn Minuten Marjan Shaki (weibliche Hauptdarstellerin) nachher in der Kantine, nein, sorry, doch nur fünf. Nein, doch nicht die Shaki, sondern der Oberkellner von der zweiten Nummer. Passt das eh? Hm.

Kim Duddy, die Choregraphin, kommt: powervoll wie immer. Ein knapper Lacher hier, ein souveränes Einmal-durch-die-Haare-Streifen dort. Dann Philippe Arlaud, der Regisseur. Eben noch auf der Opern- (Tannhäuser, Bayreuth), jetzt auf der Showbühne. Arlaud erinnert frappant an Captain Jean-Luc Picard von der USS Enterprise nach Aufgabe der Diätdisziplin. Händegeschüttel und freundliches Zugenicke. Technikpult: alle da. Regiepult: detto. Kann losgehen.

Die erste Nummer heißt Ich habe ihn gemacht, Rainhard Fendrich singt und tanzt wie ein Einser, das Ensemble versucht es ihm gleichzutun. Bevor Fendrich singt, spricht er (in seiner Rolle als fieser Manager Jeff Zodiac) die quintessenziellen Worte: "Wer denkt, das Wichtige passiert auf der Bühne, irrt gewaltig. Die wahre Show ist die Show für die Presse. Ohne die Presse funktioniert in diesem Geschäft gar nichts. Man muss sie hofieren wie eine launische Diva."

Wieder bestätigt sich: Musicals und Realität sind zwei Dinge, die sich gegenseitig komplett ausschließen. In der zweiten Nummer interpretiert Marjan Shaki die Nummer Idol, sie macht es sehr gut, danach kommt Alexander Goebel und rockt sich durch die ohrwurmige Sheraton-Suite. Man darf jetzt noch nicht zu viel über die Sache verraten, weil: ist! ja! alles! noch! so! geheim! Aber ein bisschen spontanes Gehirnstromprotokoll muss sein.

Bezüglich Licht: mehr Licht! Die Kostüme: Wäre nett, wenn man in den Dingern auch tanzen könnte. Das Bühnenbild: Man möchte erblinden, sofort. Der Gesamteindruck: Wo geht's hier zu Kika? Dann ist die Fotoprobe vorbei. Stimmung heiter bis wolkig, nun, wie gesagt, wird es sich weisen, ob die Sache eine gute ist oder doch nicht. Wäre schon fein, wenn ja, denn: 400.000 Besucher sollten geplanterweise Gefallen an der zumindest bis Ende 2003 laufenden Eigenproduktion (rund zwei Millionen Euro Produktionsbudget) der Vereinigten Bühnen Wien finden.

Doch bei der überbordenden medialen Vorberichterstattung zu Wake up! (Executive Producer übrigens: Ex-VBW-General Rudi Klausnitzer) braucht man sich da nicht groß zu sorgen. News (Vorsitzender der Geschäftsführung: Rudi Klausnitzer) brachte vorab eine Zehn-Jahre-Rainhard-Fendrich-Heldensaga, profil (gemanagt von der News-Gruppe, Geschäftsführungsvorsitz: Rudi Klausnitzer) servierte als Aufmacher des Gesellschaftsressorts ein auf fünf Seiten aufgebackenes Fendrich-Porträt, die Bühne (Vorsitz der Geschäftsführung: Rudi Klausnitzer) ließ Komponist Fendrich listig vom Cover linsen.

Darf man trotz des "weltumspannenden" Vorjubels skeptisch sein? Man darf. In jedem Fall aber: Man wird sehen. Bei der großen Wiener

(Stefan Ender/DER STANDARD; Printausgabe, 21.09.2002)
Wake up!-Weltpremiere.
Infos: (01) 588 85

Kopf des Tages
Reinhard Fendrich

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