"Wir sollten die Intifada machen - und was haben wir davon?"

20. September 2002, 18:49
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Unter den Palästinensern findet eine heftige Debatte über den Kurs ihrer politischen Führung statt

Gaza-Stadt ist gewiss einer der hässlichsten Plätze der Erde, übervölkert wie der ganze Gazastreifen, wo mehr als eine Million Palästinenser nicht viel mehr Land zur Verfügung haben als die 5000 jüdischen Siedler. "Ich mag Gaza", sagt Muhammad, der Taxifahrer, dessen Familie von jenseits des Stacheldrahts stammt, "ich bin hier zu Hause." Dann erzählt er über das schwierige Leben, die Absperrungen, Zerstörungen von Häusern und landwirtschaftlichen Flächen weiter südlich - und er schimpft kräftig über die Intifada. "Sie haben gesagt, wir sollen die Intifada machen, und was haben wir davon?"

Auf jeder Ebene der palästinensischen Gesellschaft findet diese Diskussion heute statt, und sie macht vor nichts halt, auch wenn der Name Yassir Arafat meist ausgespart wird. "Die Intifada hat zur Wiederbesetzung geführt. Wer ist dafür verantwortlich? Die Regierung. Regierungen treten wegen viel weniger zurück", sagt der Parlamentsabgeordnete und Vorsitzende des "Palestinian Council on Foreign Relations" Ziad Abu Amr bei einer Konferenz in Gaza, zu der er europäische Journalisten eingeladen hat und die am Donnerstag ein paar Stunden vor dem neuen israelischen Vorstoß endet.

Die seiner Bemerkung folgenden Schreiduelle mit dem Publikum nimmt Abu Amr gelassen. Es sei keine "Blasphemie", nach der Verantwortung zu fragen. Abu Amr gibt dabei zu, dass auch der Legislativrat angepatzt ist und die Abgeordneten vor zehn Tagen der neuen Regierung nicht zuletzt deswegen das Vertrauen verweigert haben, um "ihre eigenen Hälse zu retten".

Keine Strategie

Den anfänglichen Konsens, dass die Intifada "gut" sei, will Abu Amr gar nicht bestreiten - aber es gab kein strategisches Ziel: Sollte die Intifada die palästinensische Verhandlungsposition verbessern, Palästina befreien, internationale Unterstützung mobilisieren - was wirklich? Die Palästinenserbehörde (PA) habe keine zentrale Rolle gespielt, sagt Abu Amr, sie habe sich im Gegenteil von anderen "Autoritäten" das Heft aus der Hand nehmen lassen. Die Israelis, die Arafat soeben wieder wegen der blutigen Islamisten-Attentate von Mittwoch und Donnerstag bestrafen, sind da natürlich anderer Meinung.

Noch viel härter geht der Psychiater Iyad al-Sarraj mit der PA ins Gericht: Die palästinensische Gesellschaft werde von den Israelis und der palästinensischen Regierung gleichermaßen zerstört, und die israelische Militärdiktatur und die palästinensische Diktatur würden auch gewiss nie Frieden miteinander schließen. Mit steinernen Gesichtern hören die palästinensischen Journalisten zu, als Sarraj ihnen vorwirft, nichts anderes zu tun, als "die Menschen gehirnzuwaschen", sie in der Früh zum Kämpfen anzustacheln, um sie dann am Abend zum Frieden aufzurufen, wenn es politisch so vorgesehen sei.

Die palästinensische Katastrophe erfüllt sich für Sarraj im "Modell Märtyrer" - Selbstmordattentäter -, das viele Kinder als Lebensziel nennen, als "ultimative Macht, die Leben und Tod kontrolliert". Der Psychiater sieht darin die Suche nach einem Ersatz für die Macht des Vaters, dessen Bild als Beschützer die Kinder verloren haben.(DER STANDARD, Printausgabe, 21./22.9.2002)

Gudrun Harrer aus Gaza-Stadt
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