Italien: Epifani übernimmt Führung der GCIL-Gewerkschaft

20. September 2002, 16:05
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Nachfolger des mächtigsten Gewerkschaftschef gewählt - Zweiter Generalstreik am 18. Oktober beschlossen

Rom - Für die italienische Gewerkschaftsorganisation CGIL ist am Freitag die Ära von Sergio Cofferati zu Ende gegangen. Der mächtigste Gewerkschaftschef Italiens, der in den letzten Monaten mit seiner massiven Streikkampagne die Regierung Berlusconi stark unter Druck gesetzt hatte, ist am Freitag zurückgetreten. Seit 1994 stand er an der Führung des stärksten Gewerkschaftsverbands im Land. Zu seinem Nachfolger wurde einstimmig die "Nummer zwei" der Organisation, Guglielmo Epifani, gewählt. Der CGIL-Vorstand bestätigte den 18. Oktober als Termin für den zweiten Generalstreik gegen die Arbeitsrechtsreformen der Regierung Berlusconi innerhalb von sechs Monaten.

Kür in heikler Phase

Der 52-jährige Epifani, gebürtiger Römer, übernimmt das Zepter der fünf Millionen starken Arbeitnehmerorganisation in einer durchaus heiklen Phase. Die Beziehungen zur Regierung sind nach dem zweiten Aufruf zum Generalstreik nach jenem am 16. April durchaus gespannt. Der Konflikt mit den Schwesterorganisationen CISL und UIL, die im Gegensatz zur CGIL einen umstrittenen "Pakt für die Entwicklung Italiens" mit der Regierung unterzeichnet haben, bleibt offen, während die Verhandlungen um neue Kollektivverträge für mehrere Berufskategorien stagnieren.

Doch Epifani lässt sich nicht entmutigen, Herausforderungen sind eine Konstante im Leben des promovierten Philosophen, der 1974 nach einer kurzen Phase als Universitätsassistent am Institut für Zeitgeschichte in Mailand eine Stelle in der Verlagsgruppe der CGIL bekam und seitdem eine steile Karriere bis zur Spitze des italienischen Gewerkschaftsimperiums hinter sich gelegt hat.

Seit 1992 Nummer zwei der Gewerkschaft

Dank seiner Studien über europäische Arbeitsrechtssysteme kam er mit dem "Vater" des italienischen Arbeiterstatuts Gino Giugni in Kontakt, der ihn 1979 überzeugte, politische Aufträge in der Gewerkschaftsorganisation zu übernehmen. In jenen Jahren begann auch die Zusammenarbeit mit der langjährigen Nummer eins des Verbands, Bruno Trentin. Wegen seines diplomatischen Talents und seiner Dialogfähigkeit wurden Epifani mehrere heikle Verhandlungsrunden anvertraut. 1991 wurde er von Trentin in den CGIL-Vorstand einberufen. Seit 1992 ist er die Nummer zwei der Organisation.

Der achtstündige Generalstreik am 18. Oktober ist ein entscheidender Test für den "Philosophen", der die Italiener trotz der Spaltung mit den Schwesterverbänden überzeugen muss, wieder einmal gegen Berlusconi die Arbeit niederzulegen. Zugleich wird es Epifani nicht leicht haben, auf den Spuren Cofferatis zu wandeln, der in den letzten Monaten den Höhepunkt seines Erfolgs erreicht hat und bei der Demonstration gegen die Regierung Berlusconi am vergangenen Wochenende in Rom der meist umjubelte Vertreter der Linken gewesen ist.

Cofferati-Abschied am Samstag

Cofferati wird sich am Samstag vor rund 3.000 Delegierten von der CGIL verabschieden und eine letzte Rede halten. Der "Herr des Streiks", wie er in Italien wegen seiner scharfen Kampagnen gegen die Arbeitsmarktreformen der Regierung Berlusconi bezeichnet wird, will im Oktober an seinen alten Arbeitsplatz als Angestellter des Mailänder Reifen- und Kabelkonzerns zurückkehren, den er vor 26 Jahren verlassen hatte.

Der 54-jährige "Chinese" wie er wegen seiner markanten Augen bezeichnet wird, bestritt heftig, dass er einen Einstieg in die Politik als Oppositionsvertreter plane, wie man in Regierungskreisen spekuliert. Er werde sich an der Spitze der römischen Stiftung "Di Vittorio" weiterhin um arbeitsrechtliche Themen kümmern, in die Politik wolle er im Gegensatz zu anderen seiner prominenten Kollegen wie der derzeitige Chef der altkommunistischen "Rifondazione", Fausto Bertinotti, nicht einsteigen. Politische Beobachter glauben ihm jedoch nicht. Ihrer Ansicht nach steht Cofferati eine neue Karriere in der oppositionellen Mitte-Links-Allianz bevor. Er werde nicht lang von der Öffentlichkeit fern bleiben, behaupten sie.(APA)

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