Neun Monate und drei Wochen Haft für Mord an 200.000 Menschen

20. September 2002, 14:32
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Erinnerungen an die Shoah von Richard Bugajer - Englische Ausgabe von "Mein Schattenleben" erschienen

Washington - Mindestens 200.000 Menschen wurden im nationalsozialistischen Vernichtungslager Chelmno nahe dem Ghetto von Lodz in Polen ermordet. Nach dem Ende des Nazi-Regimes kamen einige der Täter vor Gericht. "Eines der Urteile im Chelmno-Prozess lautete etwa: neun Monate und drei Wochen Haft für Beteiligung am Mord von 200.000 Menschen. Das Urteil wurde im Namen des deutschen Volkes gefällt".

Die Erschütterung und das Unverständnis über das Ausbleiben der Gerechtigkeit für die Opfer der Shoah zieht sich durch das Buch "Mein Schattenleben" von Richard Bugajer, das im Mai 2000 im Czernin-Verlag erschienen ist. Aus der im Herbst 2002 erschienenen englischen Ausgabe des Buches las Donnerstagabend Bugajers Sohn Michael-Gury in der österreichischen Botschaft in Washington. Unter den Zuhörern war Juval Rabin, Sohn des ermordeten israelischen Premierministers Yitzhak Rabin, sowie der ehemalige US-Botschafter in Israel, Martin Indyk.

Das "Schattenleben" war für Bugajer das in Kindheit und Jugend erlebte Leid, der Verlust der Eltern, das Leben im Ghetto in Polen und in den Konzentrationslagern in Auschwitz und Ebensee, erläuterte seine Frau Hava-Eva Bugajer-Gleitman. Während er nach dem Krieg ein sehr aktives und erfolgreiches Leben geführt hatte, sei da gleichzeitig die Erinnerung an das andere Leben als von den Nazis verfolgter Jude gewesen, unveränderbar und in seinen Gedanken immer präsent. Erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt habe er begonnen, die prägenden Episoden in Form kurzer Geschichten aufzuschreiben.

Richard Bugajer wurde 1928 im polnischen Kielce in einer jüdischen Unternehmerfamilie geboren, mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen wurde die Familie ins Ghetto von Lodz verbannt. 1944 wurde Richard mit seinen Eltern nach Auschwitz deportiert, wo seine Mutter ermordet wurde. Mit seinem Vater wurde er in mehrere Konzentrationslager gebracht, im KZ Ebensee im Salzkammergut stirbt der Vater als Folge von Entkräftung und Misshandlungen. Im Mai 1945 wird Richard Bugajer von amerikanischen Truppen in Ebensee befreit. Die meisten seiner Familienangehörigen wurden in den Vernichtungslagern Auschwitz, Treblinka und Chelmno ermordet. Der schwer kranke 17-Jährige kommt nach Monaten im Lazarett wieder zu Kräften. Er maturiert und lässt sich nach dem Medizinstudium als Arzt in Wien nieder. 1998 stirbt er im Alter von 70 Jahren.

"Mit den milden Urteilen gegen Naziverbrecher hat man es versäumt, sich vom Massenmord an unschuldigen Menschen, von diesem einmalig ungeheuerlichen Verbrechen eindeutig und mit Nachdruck abzugrenzen. ... Erst jetzt, mehr als 50 Jahre nach dem Ende dieses verbrecherischen Regimes, oder vielleicht auch erst in 20 oder noch mehr Jahren, wenn die Eltern- und Großeltern-Generation nicht mehr lebt, werden die Urenkel in einer Atmosphäre aufwachsen, die - wie ich hoffe - eine objektive und ehrliche Beurteilung der Verbrechen ermöglicht. Das wird auch einem ungestörten Verhältnis zum jüdischen Volk den Weg ebnen", heißt es im Schlusswort des Buches.

Der Lagerkommandant des KZ Ebensee, Anton Ganz, konnte 1945 in Österreich untertauchen. Ab 1949 lebte er unbehelligt unter eigenem Namen in Deutschland. Erst 1972 wurde er zu lebenslanger Haft in neun Mordfällen verurteilt, in der Anklage wegen 15.000-fachen Mordversuchs aber freigesprochen. Er starb 1974 während des Berufungsverfahrens als freier Mann an Krebs. (APA)

"Mein Schattenleben", von Richard Bugajer, Czernin-Verlag, Wien 2000; "My Shadowlife", The Jewish Heritage Project, New York, 2002
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