Erfahrungen einer Ex-Kindersoldatin

20. September 2002, 08:55
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Gleichzeitige Täter- und Opferrolle ist schwer zu verkraften - UNICEF fordert zum Handeln auf

Berlin - "Ich kann noch immer die Augen der am Boden liegenden Feinde sehen. Sie baten, nicht zu töten, aber ich konnte nicht helfen." Wenn die heute 26-jährige, aus Uganda stammende China Keitetsi über ihre Erfahrungen als Kindersoldatin erzählt, muss sie immer wieder weinen. Sie war neun, als sie von Rebellenkämpfern aufgegriffen und in den Kampf geschickt wurde. Krieg war ihr Leben - zehn Jahre lang. Dann gelang die Flucht, heute lebt sie in Dänemark. Um die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten, schrieb sie ein Buch.

Biographie des Schreckens

Am Donnerstag, einen Tag vor dem Weltkindertag, stellte Keitetsi ihre Biografie "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr" in Berlin vor. Erstmals habe eine Betroffene ihre Geschichte aufgeschrieben, sagt Dietrich Garlichs, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. Dass dies höchste Zeit war, verdeutlichen Zahlen.

Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen kämpfen mehr als 300.000 Buben und Mädchen in rund 40 Staaten der Erde in Regierungsarmeen oder bewaffneten Gruppen, mehr als ein Drittel davon auf dem afrikanischen Kontinent. Die Kinder werden misshandelt, unter Drogen gesetzt und zu Gewalttaten gezwungen. Weibliche Kindersoldaten dienen häufig als Sexsklavinnen. Selbst wenn ihnen die Flucht gelingt, leiden sie ihr Leben lang an den traumatischen Erfahrungen, haben Depressionen, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen und Angstzustände.

Täter und Opfer zugleich

Diese Kinder trügen physische und psychische Schäden davon, da sie Opfer und Täter zugleich seien. "Sie lernen zu foltern und zu töten und werden gleichzeitig ausgebeutet", erklärt Garlichs. Deswegen müsse der Einsatz von Kindern als Soldaten international verboten und geächtet werden. "Der Missbrauch von Kindern für den Krieg ist eine der schwersten Menschenrechtsverletzungen." Darauf will auch Keitetsi aufmerksam machen, am besten die ganze Welt. Schließlich dulde diese die Verbrechen gegen Kinder. Dabei könnte es so schön sein, wenn es alle Kinder so gut hätten wie beispielsweise die in Dänemark. "Dort sterben nur alte Leute, keine Kinder", sagt die selbstbewusste Frau. Wie gerne hätte sie nur ein klein bisschen von der Liebe und Geborgenheit empfangen, die Buben und Mädchen in ihrer neuen Heimat zuteil wird. Und dass alle Familien dann auch noch Telefon, Fernseher und sogar einen Kühlschrank in ihrem Haus hätten, habe sie bei ihrer Ankunft sehr erstaunt.

Sie dagegen floh als Neunjährige aus ihrem gewalttätigen Elternhaus und wurde von Rebellen aufgenommen. Ein Ausbilder nannte sie wegen ihrer Schlitzaugen China. Ihre Freunde wurden auf die Namen Rambo und Suicide getauft. Dann ging es an die Front. Geschosse flogen ihr um die Ohren, danach zog sie den toten Feinden Uniform und Schuhe aus. Auch Schießen musste sie. "Mein Gewehr war ich - und ich war mein Gewehr, damit konnte ich alles tun", erzählt sie. Das Weinen verlernte sie im Angesicht des Todes. Für Tränen gab es einfach keine Zeit. "Die Angst vor dem völligen Zusammenbruch hielt mich davon ab", sagt sie.

Wie so viele andere Mädchen musste auch sie Vergewaltigungen ertragen. Beinahe noch schlimmer war jedoch, dass ständig Kameraden und Freunde fielen und sich auch selbst umbrachten. "Sie starben für nichts", sagt sie. Die Freiheit, die die Rebellen predigten, habe nie existiert. Keitetsi ist deprimiert: "Ich bin jetzt hier, ich esse, ich liebe, aber meine Kameraden sind immer noch da." Ihr größter Wunsch sei, dass niemand das durchmachen müsse, was sie selbst erlebt habe.

Trotz der immer wieder aufflackernden Erinnerungen an die düstere Vergangenheit ist die junge Frau auch optimistisch. In Dänemark macht sie eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und arbeitet in einem Kindergarten. "Das ist eine gute Sache für mich, weil mich Kinder nie verletzt haben", sagt sie. Und schließlich habe sich auch ihr Herz verändert. Dieses sei bei ihrer Ankunft in Europa zunächst noch voller Hass gewesen. Doch dann habe es da so viel Menschen gegeben, die ihr helfen wollten. "Jetzt habe ich ein Herz voller Liebe." (APA)

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