Gute Zeiten für Eroberer

19. September 2002, 20:47
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Bossi gegen Depardieu: Streit um europäisches TV-Großprojekt "Napoleon"

Wenn von einer gigantomanischen TV-Serie verkündet wird, sie "erobert Europa!", und wenn diese Serie sich gleichzeitig einem so genannten "Eroberer" widmet - dann sind natürlich auch Kontroversen als PR-Maßnahme einprogrammiert.

Für den 35 Millionen Euro teuren Vierteiler Napoleon, eine europäische Koproduktion der Kirch-Gruppe mit dem ORF an Bord, übernahm diese (un-)dankbare Aufgabe erst kürzlich Umberto Bossi. Der Chef von Italiens rechtspopulistischer Lega Nord soll anlässlich der italienischen Erstausstrahlung diese Woche getobt haben: "Ich begreife nicht, warum das italienische Staatsfernsehen Napoleon als großen Eroberer darstellt. Er war auch ein Diktator, löschte die demokratischen Prinzipien und vernichtete die Völker des Nordens." Womit er - sieht man von seiner eigenen, etwas verschobenen historischen Sichtweise ab - gar nicht Unrecht hat, sich aber postwendend "Idiot" schimpfen lassen durfte.

Gérard Depardieu, seines Zeichens Napoleon-Koproduzent, im Film Berater des von Christan Clavier (Asterix!) gespielten Imperators und seit einiger Zeit auf monumentale TV-Stoffe (Der Graf von Monte Christo, Les Misérables, Balzac ) förmlich fixiert, meint nämlich: "Es ist Aufgabe einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt, in Filmen die Geschichte des Landes und Europas darzustellen."

Gut, damit hat Depardieu (der übrigens auch noch gern Serien über Garibaldi und Caravaggio produzieren und spielen möchte) auch nicht Unrecht: Aber wie verhält es sich mit den tatsächlichen Anforderungen "europäischer" Spektakel, in denen möglichst jeder Produktionspartner Stars stellen will und - wie bei Weihnachtsvierteilern seit jeher üblich - das Erhebende den Vorrang vor dem Bedrückenden hat?

Den jüngsten Produktionsmitteilungen zufolge dürfte Napoleon jedenfalls eines der innigst beworbenen TV-Spektakel der vergangenen Jahre werden. Im Jänner etwa startet der Vierteiler auch in Österreich - und nachher ist vielleicht immer noch Zeit für subtilere Porträts des Korsen: Patrice Chéreau etwa bereitet mit Al Pacino einen Spielfilm über Napoleons letzte Tage auf St. Helena vor.

Im Jänner im ORF

In den USA zeichnet sich derweilen ein weiterer streitbarer Lieblingseroberer ab. Rund um Alexander den Großen waren zuletzt mehrere Scripts für Film und Fernsehen in Vorbereitung.

Martin Scorsese und Oliver Stone träumten bereits von kinematografischen Feldzügen, jetzt hat Baz Luhrmann (Moulin Rouge ) als Erster mit Drehvorbereitungen begonnen. Er sieht Alexander als "größten Popstar" seiner Zeit: Kontroversen wegen bedenklich naiver Mythenbildung sind also jetzt schon zu erwarten. (Claus Philipp/DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2002)

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