Mächtige mit miesen Manieren

19. September 2002, 21:08
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Kommentar: Die Champions League ist ein lukrativer Markt, und genauso funktioniert sie auch

Die orthodoxe Antwort auf die Frage, was der UEFA-Cup und die Champions League darstellen, lautet: europäische Fußballbewerbe. Sie verbreiten sich inflationär, also häufiger und pro Stück weniger wert werdend, in den TV-Programmen. Dieser Tage konferieren die Bosse des Europäischen Fußballverbandes UEFA in Istanbul, im westlichsten Winkel der fußballnärrischen Türkei, um den UEFA-Cup mit Prämien und Sponsoranreizen zu schmücken und als Sekundärmarkt neben der hoch kapitalisierten Champions League lebensfähig zu erhalten.

Die Champions League wurde vor wenigen Monaten von der UEFA-Exekutive um die überflüssige zweite Gruppenphase reduziert, solcherart wollte man dem Sinken des Interesses, der Einschaltquoten, der Sponsorerlöse und der Gewinne für Klubs und UEFA gegensteuern. Das Kartell der reichen Klubs wie Real Madrid, Bayern München, AC Milan und Manchester United - als G-14 eine putzige Parallelaktion der reichsten Industrienationen, der G-7 - schrie sofort aus Angst um die Renditen auf. Man habe sie nicht gefragt, motzte Manchester Uniteds Chef Peter Kenyon - obwohl er sich als Dritter der Meisterschaft erst für die Champions League qualifizieren musste, tat er so, als habe er ein Erbrecht auf die Teilnahme und könne über ein fades Format entscheiden.

Vor Jahren wich die UEFA dem Druck der G-14 und gewährte den Großen aus den lukrativsten Märkten wie Spanien, Italien, Deutschland oder England eine Teilnahme-garantie für mehr als nur den Meister. Die großen Einheiten auf dem europäischen Fußballmarkt sind auf die Umsätze der Champions League angewiesen, und wenn sie dort reichlich Umsatz machen, können sie ihre Vormachtstellung ausbauen. Manchester wies im Vorjahr einen Gewinn von rund 50 Millionen Euro aus, rund 49 Millionen Euro lukrierte der Verein aus der Champions-League-Kampagne bis zum Viertelfinale.

Es ist irreführend, von "Europas Fußball" zu sprechen, wie es irreführend ist, von "Amerika" zu sprechen. Erst der nähere Blick auf die sich hinter den Kulissen durchsetzenden Interessen und ihre Profiteure ermöglicht ein tieferes Verständnis der Entwicklungen. Es gibt keinen "freien Markt", der "Markt Europacup" kann bei aller Verschiedenheit zu anderen Branchen als Beispiel mit besonderer öffentlicher Präsenz dafür gelten, dass sich wie überall sonst auch die Großen und Reichen die "Freiheit, die sie meinen" nach ihren Bedürfnissen herrichten.

Derzeit machen die englischen Klubs Druck, viele tragen den Mantel einer AG, sind also ihren Aktionären und nicht dem Zuschauer, dem nationalen oder europäischen Verband verpflichtet. Englands Klubfußball hält nach Umsatz gerechnet fast ein Viertel (24 Prozent) des europäischen Marktes, selbst Italien (17 Prozent), Spanien (14 Prozent) und Deutschland (13 Prozent) kommen da nicht mit. Der Zusammenbruch der TV-Lizenzeinnahmen in England setzt Manchester United und andere Kickerkonzerne zusätzlich unter Druck.

Sie können sich Solidarität oder Chancengleichheit mit Mitbewerbern schlicht nicht leisten. Das Gerede vom Wettbewerb ist für Sonntag und für die Konsumenten, in den UEFA-Gremien wird beinhart darum verhandelt, die Einkünfte der Reichen zu sichern. Die Kleinen wie Sturm Graz werden mit Almosen und der Illusion abgespeist, Gleiche unter Gleichen zu sein.

Vor wenigen Tagen nannte ein Kommentator in der europäischen Auslage des US-Establishments, der International Herald Tribune, die Bilanzfälschungen bei Enron eine pathologische Mutation des Kapitalismus. Der Kapitalismus der Eigentümer sei gescheitert und in den Kapitalismus der Manager übergegangen, weil die Märkte zu den diffusen Eigentumsverhältnissen führten, die man Konzern zu nennen sich angewöhnte. Tröstlich oder entsetzlich, es war, als schriebe der Mann, der wohl noch nie von der Champions League gehört hat, über den Fußball. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 20. September 2002, von Johann Skocek)

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