Die FPÖ des Mathias Reichhold

19. September 2002, 19:49
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Der neue Spitzenkandidat könnte aus der FPÖ eine leicht modernisierte rechte Partei machen, befindet Hans Rauscher in seiner Kolumne

Mit Mathias Reichhold könnte die FPÖ wieder zu ihrer Identität als Partei der stillen, relativ unauffälligen "Nationalen" zurückfinden.

Herbert Haupt ist so einer - umgänglich, ruhig, praktisch ohne provozierende Nazi-Sprüche, ohne den Fanatismus eines an sich geistesverwandten Ewald Stadler, aber ein in der Wolle gefärbter Deutschnationaler, schlagender Burschenschaftler, der schon darauf schaut, dass in seinem Umfeld die rechte Gesinnung herrscht. Auch wenn der eine oder andere Mitarbeiter schon einmal im "Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus" vorkommt. Harald Ofner war so einer, Dieter Böhmdorfer ist so einer. Die Vertreter dieser FPÖ sind Honoratioren, Juristen, Apotheker, Ärzte, Tierärzte, Landesbeamte. Etliche sind Sudetendeutsche, viele kommen aus den evangelischen Enklaven in Österreichs Bergregionen.

Dort, wo die Gegenreformation nicht hingekommen ist, im Ennstal etwa oder in etlichen Kärntner Gebirgstälern. Man war evangelisch und fühlte sich in der stockkatholischen Habsburger-Monarchie (oft mit Recht) unterdrückt. Daher wurde man deutschnational bzw. großdeutsch - aus Protest gegen die Union von Habsburg und (katholischer) Kirche. Man wollte ins "Reich", auch um die slawischen Hofnachbarn, die Slowenen oder Tschechen, majorisieren zu können. In der ersten Republik lieferten die Deutschnationalen die längste Zeit den Christlich-Sozialen die Regierungsmehrheit. Man lief dann begeistert zu den Nazis über. Etliche aus dieser österreichisch-deutschnationalen Ecke waren die schwersten Kriegsverbrecher, andere erlebten die Nazi-Massenmorde als Verrat am eigenen Idealismus, konnten sich aber nicht von der "deutschen Identität" lösen. Auch nach dem Zusammenbruch 1945 nicht.

Es war ja "nicht alles schlecht gewesen", vom Krieg hatte man relativ wenig mitbekommen (bombardiert wurden die Industriestädte, gekämpft wurde zum Schluss praktisch nur in Wien und Ostösterreich). Man glaubte, "anständig geblieben" zu sein, und wählte bald die VdU, dann die FPÖ, in der es vor "Ehemaligen" und SSlern nur so wimmelte. In Kärnten war auch die SPÖ offen für "Nationale". Man betrachtete Kreisky zuerst misstrauisch, war dann aber von ihm beinahe begeistert, weil er genau zu den Nationalen und Ehemaligen die Hand zur Versöhnung ausstreckte, obwohl er doch, ähem, Jude war.

Als Jörg Haider kam, vereinnahmte er die "Nationalen" als Erste. Aber so kommt man nicht auf 27 Prozent. Man muss die Partei des "kleinen Mannes" werden, des Arbeiters oder kleinen Beamten oder Gewerbetreibenden, und so geschah es dann ja auch.

Die Nationalen waren unterdessen immer da. Die Klügeren hielten sich meist zurück, weil sie wussten, dass man einflussreicher ist, wenn man nicht auffällt. Man hatte ja eh den Jörg, der sich was zu sagen traute. So blieb man in bestimmten Berufszweigen - Justiz, technische Intelligenz - einflussreich. Viele sind damit zufrieden, in ihren Zirkeln ihre Weltanschauung zu leben. Einige witterten zuletzt Morgenluft und wurden auffällig, wie etwa Stadler.

Mathias Reichhold ist eben einer von den Stillen, "Vernünftigen". Wenn ihn Haider lässt und wenn er selbst seine frühere Unterwürfigkeit gegen Haider ablegen kann ("Wenn der Jörg es sagt, schreibe ich meinen Vornamen mit zwei ,t'"), dann wird er aus der FPÖ eine leicht modernisierte rechte Partei machen, deren nationale, völkische Grundierung nicht besonders auffällt.

Das wird dann so sein wie in der Ersten Republik, wo die Nationalen den Christlich-Sozialen über weite Strecken die notwendige Regierungsmehrheit lieferten. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2002)

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