Der allerletzte der Tribunen

19. September 2002, 19:45
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Über Jörg Haider, Richard Wagner und den "kleinen Mann im blauen Hemd": der Niedergang der FPÖ im Lichte der Operngeschichte - ein Kommentar der anderen von Alfred Pfabigan

Bekannt ist, dass im Nationalsozialismus ein Naheverhältnis zwischen Ästhetik und Politik bestand und dass Richard Wagner und sein Hauptwerk Der Ring des Nibelungen dabei eine wesentliche Rolle spielten. Doch auch ein heute kaum mehr aufgeführtes Frühwerk Wagners war für Adolf Hitler von zentraler Bedeutung: die Oper Rienzi, der letzte der Tribunen.

Der "Führer" verinnerlichte Wagners Version der historischen Figur des Cola di Rienzi als zentrales Element seines handlungsleitenden persönlichen Mythos. Bei einer Rienzi-Aufführung, so erzählte er öfter, sei ihm das erste Mal der Gedanke gekommen, "auch so ein Volkstribun zu werden" - der "Held" half ihm, "frühzeitig zum künstlerischen und politischen Revolutionär" zu werden, und bestärkte ihn in der Meinung, er würde einst "vom Volk den Auftrag empfangen, es aus der Knechtschaft emporzuführen zu den Höhen der Freiheit".

Versucht man, Wagners kitschiges Libretto sozusagen ins Politische zu übersetzen, dann bietet sich folgendes Bild: In dem vom Papst verlassenen Rom haben konkurrierende aristokratische Clans, die Nobili, eine Willkürherrschaft errichtet und bereichern sich schamlos auf Kosten des Volkes. Nur ein Mann, der päpstliche Notar Rienzi, leistet mit seiner Agitation Widerstand: "Freiheit verkünd' ich Romas Söhnen!" Eine offensichtlich unwiderstehliche Parole - zumindest verschweigt uns Wagner, worauf Rienzis schneller Erfolg sonst noch basieren könnte. Das Volk jedenfalls bietet ihm den Königstitel an, Rienzi aber, bescheiden wie er ist, besteht darauf, ein einfacher Volkstribun zu bleiben.

Was er innenpolitisch zustande bringt, bleibt unklar: Er beschränkt sich auf bombastische Proklamationen (Volk! - Frieden! - Freiheit! - Größe!) und auf repräsentative Akte, die er in "fantastische und pomphafte Gewänder gekleidet" vornimmt. Außenpolitisch setzt er eine heillose Interventionspolitik in Gang, die Rom isoliert und die Gesandten zum Verlassen der Stadt bewegt: Er bestreitet den deutschen Fürsten das Recht zur Kaiserwahl. Die alte Macht, die Nobili, denen Rienzi in der Haltung der "freundschaftlichen Herablassung" begegnet, täuschen Loyalität vor und planen gleichzeitig ein Attentat, das aber an Rienzis Panzerhemd scheitert.

Größenwahn ...

Was nun folgt, hat Hitler als unverzeihlichen Fehler interpretiert, den er nicht zu wiederholen gedachte (weshalb er etwa Röhm und seine Kumpane präventiv hinmetzeln ließ): Obwohl das Volk nach dem Attentat das Blut der Schuldigen fordert, werden diese von Rienzi begnadigt.

Die Nobili verpflichten sich zwar neuerlich auf das Gesetz, sinnen aber heimlich auf Rache. Ihre Flucht löst einen Bürgerkrieg aus, der ambivalente Adriano plädiert für Frieden mit den Verrätern, erntet aber vom vermeintlichen Friedensapostel Rienzi eine energische Abfuhr: "Eh' du von neuem mich bewegst,/ soll alle Welt zugrunde geh'n!"

Tatsächlich kommt es auch zum Untergang: Zwar gewinnt der Tribun den Waffengang, doch zum einen bekommt er mit seinem radikalen Flügel Probleme, der ihn wegen der Begnadigungen für einen Verräter hält; zum anderen belegt ihn der päpstliche Legat mit dem Kirchenbann.

Das "entartete" Volk verrät seinen mittlerweile depressiv gewordenen Tribunen, versucht ihn zu steinigen - am Ende verbrennt der Tribun im zusammenbrechenden Capitol. Wagners letzte Regieanweisung führt zurück ins politische Chaos des Beginns: "Die Nobili hauen auf da Volk ein."

Wagners Vorlage, Edward Bulwer-Lytons voluminöser Rienzi-Roman, war in gekürzter Fassung ein typisches Buchgemeinschaftsbuch der 50er-Jahre mit hoher Attraktivität für Heranwachsende, ansonsten ist das Libretto aber Bestandteil eines überholten Zeitgeistes. Das ändert allerdings nichts daran, dass Wagner hier eine immer noch aktuelle archetypische Figur beschreibt. Nur die Dekorationen haben sich geändert, die "Tribunen" nennt man heute "Populisten", und was früher "Volk" hieß, firmiert jetzt als "kleiner Mann".

Im Populismus haben die Rienzis in der Tat unzählige Neuauflagen erlebt, und das ihnen wesenseigene Weltverhältnis, das Wagner voll unkritischer Bewunderung auf die Bühne stellt, hat sich nicht grundsätzlich gewandelt: Vor allem jene eigenartige Mischung aus dubioser Ausgrenzungsangst, die in der Vergangenheit gründet, und dem daraus resultierenden "Auftrag", der angesichts der Größe des herrschenden Unrechts die Lizenz zum Regelbruch beinhaltet: "Halt' fest im Aug' das Ziel, und jedes Mittel, erreichest du jenes sicher, sei geheiligt!"

... und Depression

Verhaltensformen, die im Alltag nur mit klinischen Termini zu beschreiben sind, "veredeln" sich den Tribunen im Dienste ihres hohen Ziels: etwa die paranoide Furcht vor Verrat und Intrige oder das übersteigerte Selbstvertrauen, das zwischen Größenwahn und Depression pendelt.

Die Ironie der Postmoderne und der Konsumismus haben zunächst einmal die Fetische der Tribunen verändert - wo früher Fahnen und Insignien einen sakralen Hintergrund bildeten, sind es heute triviale Accessoires vom Porsche bis zur Swatch.

Doch immer noch verrät das "entartete Volk" seine Tribunen. Wo ehedem allerdings eine halbe Stadt abbrennen musste, reicht jetzt die Warnung eines Parteigängers, eines "kleinen Mannes mit blauem Hemd", um den Tribunen zum hoffentlich endgültigen Rückzug zu bewegen.

Das tragische Weltverhältnis, das bei Wagner zur Wesensausstattung der Tribunen gehört, ist damit ins Banale transformiert worden - das kann man wohl auch als zivilisatorischen Fortschritt bezeichnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2002)

Alfred Pfabigan lehrt Sozialphilo- sophie und Politologie an der Universität Wien.
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