Handkuss mit Ansage

19. September 2002, 19:57
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Der vorletzte Parlamentstag vermittelte eine Ahnung, wohin im Wahlkampf die Reise der Parteien gehen wird - von Samo Kobenter

Die seltsamste von vielen seltsamen Gepflogenheiten in der österreichischen Politik ist zugleich eine durchaus liebenswürdige: die sentimentale Empathie für die Gescheiterten, die auch den Abgang von Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer und Finanzminister Karl-Heinz Grasser im Parlament zu einem fast anrührenden Akt werden ließ. Nun hat der Österreicher an und für sich ein seltsam erotisch gefärbtes Verhältnis zum Ende aller Dinge, das sich in etwas transponierter Form eben auch in der Inszenierung des Abschiedes der Vizekanzlerin und des Ministers spiegeln darf - sie wurden sogar von der Opposition mit einem Gefühl verabschiedet, das beinahe echt aussah. Mit Handkuss, sozusagen. Und der fiel, allein für sich und ganz ohne Ironie, sehr schön aus.

Abgesehen davon vermittelte der vorletzte Parlamentstag dieser Legislaturperiode wie nicht anders zu erwarten eine Ahnung, wohin im Wahlkampf die Reise der Parteien gehen wird. Dass der designierte FP-Parteiobmann Mathias Reichhold versuchte, seine nach allen Seiten, vor allem aber in Richtung ÖVP flüchtenden Wählern wieder in das blaue Boot zurückzuholen, war auch nicht verwunderlich. Seine Ankündigung, die FPÖ wieder in die Regierung führen zu wollen, ist auch eine Kampfansage an die ÖVP, die dieser wiederum so unrecht nicht sein kann: Will sie sich neben der SPÖ eine gangbare Alternative für ein Weiterregieren offen halten, muss sie an einem mehr als nur rudimentären Bestand der FPÖ vitales Interesse haben.

Was Reichhold im ersten Überschwang vielleicht verkennt, ist seine Abhängigkeit von den Kärntner Unwägbarkeiten. Gelingt es ihm nicht, das einfache Parteimitglied ruhig zu stellen, kann er sein Projekt vergessen. Und das noch offene Ablaufdatum, das an seiner Funktion klebt, schon jetzt ausfüllen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2002)

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