Verglühende Sternschnuppen und kometenhafte Aufstiege

19. September 2002, 19:35
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Die Lust der Parteien, Quereinsteiger zu präsentieren, ist bei dieser Wahl geringer als sonst

Jetzt sind Politprofis gefragt. Denn die Neulinge haben oft Schiffbruch erlitten. Einige Stars aus der letzten Legislaturperiode verabschieden sich nun vom Leben im Rampenlicht.

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Wien - Der STANDARD-Portier staunte nicht schlecht, als in der Wahlnacht 1999 Patrick Ortlieb vor ihm stand. Der Exskirennfahrer und Neo-FPÖ-Politiker hatte eigentlich die Wahlzentrale im Innenministerium angepeilt - aber die Hausnummer verwechselt.

Es sollte nicht der letzte Irrweg des Quereinsteigers bleiben. Bei seinen spärlichen Parlamentsreden, selten vor Mitternacht angesetzt, tat er selbst seinen Gegnern Leid. Das meiste Aufsehen erregte er durch eine angebliche Sexaffäre. Wenig Wunder, dass Vorarlbergs FPÖ-Chef Hubert Gorbach zweifelt, ob sein Landsmann Ortlieb wieder aufgestellt wird - weil "Quereinsteiger in solchen Zeiten nicht sinnvoll sind".

Nicht nur die FPÖ zweifelt an ihrer langjährigen Wahlstrategie, mit prominenten Quereinsteigern kurzfristige PR-Erfolge einzufahren. Zu schnell sind viele Wahlschnuppen verglüht: Der Wechsel der TV-Lady Theresia Zierler ("Willkommen Österreich") vom Fernseh- in den Parteiapparat führte vom kometenhaften Aufstieg (Generalsekretärin, steirische Spitzenkandidatin) zum ebenso rasanten Fall. Mittlerweile ist sie Medientrainerin und unsicher, ob sie dem Nationalrat weiter angehören wird. Es sei spannend gewesen, bei "einer so großen Veränderung der politischen Landschaft dabei gewesen zu sein", sagt sie. Als Polit-neuling habe sie Probleme gehabt, attackiert zu werden und attackieren zu müssen. Was man braucht? "Eine dicke Haut."

Warm anziehen, ist die Devise

Das bestätigt auch Kommunikationstrainer Hermann Holzer-Söllner (CSI). Voraussetzung, um in die Politik zu wechseln, sei ein "irrsinnig dicker Pelz", Kommunikationstalent und Kompromissfähigkeit. Was Quereinsteigern oft abgehe, sei Hausmacht.

Daran ist Kurzzeit-Quereinsteiger Wolfgang Bachmayer nicht gescheitert. Der Meinungsforscher musste als LiF-Spitzenkandidat in Wien wegen eines (früheren) rassistischen Ausrutschers zurückziehen. Auf den Plakaten erschien daraufhin eine andere Quereinsteigerin: Gabriele Hecht, mittlerweile auch nur mehr Steuerberaterin.

Bei der ÖVP hat man vor der letzten Wahl mit großem Pomp Inzersdorfer-Chefin Martina Pecher vorgestellt. Sie entpuppte sich allerdings nicht als politisches Talent. Ihr könnte nun Michael Ikrath aus dem Top-management der Erste Bank folgen. Nicht der klassische Quereinsteiger, er war bereits ÖVP-Miliz-Sprecher. "Ohne Profis wird man scheitern - siehe FPÖ", sagt Clemens Auer, politischer Direktor der ÖVP. Aber es komme auf die richtige Mischung an. Denn mit unverbrauchten Gesichtern signalisiere man einen "Erneuerungsprozess". Doch manche Manager, die in der Wirtschaft erfolgreich seien, hätten eben kein politisches Talent. "Politik muss man lernen."

"Die Skepsis gegenüber Quereinsteigern hat quer durch alle Parteien zugenommen", sagt Lothar Lockl, Kommunikationschef bei den Grünen. Obwohl sie die einzige Partei sind, die tatsächlich einen an der Spitze haben. Der Wirtschaftsprofessor Alexander Van der Bellen stieß mit seinen Eigenheiten - lange Pausen, Antworten wie "Das weiß ich nicht" - zunächst auf Entsetzen seiner Mitarbeiter. Mittlerweile ist Van der Bellens mangelnde Stromlinienförmigkeit zur Marke geworden. Neuer grüner Quereinsteiger könnte diesmal der Kunsttheoretiker und ORF-Stiftungsrat Wolfgang Zinggl werden.

Wie schwer er sich tun wird, will Wirtschaftscoach Christine Bauer-Jelinek nicht prophezeien. Sie hat etliche Quereinsteiger gecoacht und weiß um deren Hauptproblem: "Sie verstehen nicht, dass dort jeder lang und breit seine Meinung sagen kann, die Basis kein dirigierbarer Mitarbeiterstab ist und die Kommunikation völlig anders abläuft." Zudem seien neue Stars immer "Sand im Machtgefüge" einer Partei. Quereinsteiger, so ihr Resümee, können "nur erfolgreich sein, wenn sie die Spielregeln der Politik rasch lernen".

So sieht das auch Ulli Sima. Anfangs sei sie in der SPÖ, die kurz vor ihr mit dem Quereinsteiger Hans-Peter Martin alles andere als gute Erfahrungen gemacht hatte, skeptisch betrachtet worden. Gerade weil sie einstieg, als sich die SPÖ im Oppositionsschock befand, habe sie Vorteile gehabt: "Ich bin unbefangener an manches herangegangen und konnte mit meinen Erfahrungen von Global 2000 kampagnisieren." Dennoch mühte sie sich um rasche parteiinterne Integration: Sie suchte sich einen Bezirk, trat am 1. Mai 2000 der SPÖ bei: "Man muss die Basisarbeit mitmachen." Aus Sima zieht die SPÖ die Lehre. SP-Sprecherin Conny Zoppoth: "Quereinsteiger ohne politischen Background, nur mit prominentem Namen, kommen bei uns nicht auf die Liste." (Eva Linsinger, Martina Salomon/DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2002)

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