Augsburger Puppenspielerin

19. September 2002, 19:33
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Gelungene Elfriede-Jelinek- Montage "Körper und Frau" im Grazer "Museum der Wahrnehmung"

Die gelungene Elfriede-Jelinek-Montage "Körper und Frau" im Grazer "Museum der Wahrnehmung" legt nahe: Vielleicht ist eine Jelinek-Rezeption erst jenseits der Staatstheater denkbar.


Graz - Von gänzlich unvermuteter Seite, sozusagen aus der Tiefe der Zeit herauf, stiehlt sich ein vergessen geglaubter Bundesgenosse an die Seite der Elfriede Jelinek: ein konfuzianischer, ganz aus der Mode geratener Weiser, der die Schauspieler so lange aus den Umrissen ihrer Figuren verscheuchte, bis sie zu ihren Dressurkörpern, diesen Zauberinstrumenten der Illusionstechnik, gebührlichen Abstand hielten.

Einfühlung und tätiger Nachvollzug waren diesem listigen Reformer ein Gräuel; seinen exilgebastelten Taschenbuch-Marxismus sieht man ihm heute noch an. Darum will ihn - außer Sektierern - auch keiner mehr beim Augsburger Namen kennen.

Unser weiser Mann, von dem Frau Jelinek in ihren sparsamen Anmerkungen stets hochachtungsvoll gesprochen hat, hieß natürlich Brecht. Und man muss schon an die Mur-Ufer nach Graz fahren, um in den Ausläufern des Augartens ein merkwürdig vieleckiges Industrie-Salettl zu besteigen, eine Art Chinesenpagode des Industriezeitalters mit Namen "Museum der Wahrnehmung". Darin hat man ein Jelinek-Literaturprodukt zusammengebastelt: Körper und Frau, eine "Entäußerung".

In dem schmucken Gartenbau sitzt eine in roten Samt gehüllte, zugeknöpfte Frauensperson (Juliane Werner) als wasserbleiche Figurine auf einem Denkmalsockel: das Strohhaar streng gescheitelt, die Hände flach auf den Schenkeln: ein spätjüngferliches Echo auf die vielen unaufgeklärten Bürgermädchen, die ihren adeligen Verführern aus Gründen der Herzensbildung eigensinnig lustzickig widerstanden, als Limonaden-Luise oder Dolchstoß-Emilia zum Damenopfer freigegeben.

Die wächserne Dame aber, über deren Haupt ein Neongeviert wie ein schmerzlicher Kranz erblüht, zerkaut Jelinek-Sätze: diese bestrickende Sinnmusik, in welcher die verwendeten Begriffe sich an die Stelle des Kopfes setzen, der sich ihrer eigensinnig zu bedienen meint.

Die Begriffe "Frau" und "Fluss" und "Körper" schwimmen sich frei und beginnen miteinander Unzucht zu treiben: erwärmen sich, erhitzen, explodieren. Sie treten über die Ufer des Sinns und reißen alle Bedeutungshöfe mit sich mit in ihrer gurgelnden Flut. Langsam platzt Juliane Werner heraus aus dem Korsett von Sitte und Überlieferung, knöpft sich frei und schießt gleich los - und treibt die Elfriede-Jelinek-Collage Körper und Frau, eine Montage aus Prosateilen und Stückflächen, in ein wunderbar heißkaltes, jederzeit kunstkalkuliertes Delirium hinein.

Postdramatisches Theater, wenn man so will; eher aber ein Korrelat zu Deleuze/Guattaris "kleiner" Literatur, die hinter den Litfass-Säulen der Staatsdichterei wie ein Spuk verschwindet.

Denn vielleicht ist das Theater der Jelinek wirklich in keinen bürgerlichen Plüschcontainer zu packen. Regisseur Ernst M. Binder, der sich das Aufführungsrecht mit dem Frankfurter Schauspiel teilt, übt sich in tätiger Armut: Schneidet aus den Textflächen nacheinander die Elektra-Figur, das Jelinek-Double, die Modepuppe, die Blauensteiner-Witwe heraus: allesamt Opfer im sprachkalten Täterinnenwahn.

Niemals, auch nicht im sexy Nachthemd, stellt Werner das "Objekt" aus, sondern, mit durchdringend strahlenden Augen, im Echoduell mit einer delphisch raunenden Klosettmuschel, die leere Fläche weiblicher Identität. Barbie will Vormund sein: In diesem kleinen Abend könnte ein Ansatz zu einer neuen Jelinek-Rezeption im Theater liegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2002)

Von Ronald Pohl
  • Jelinek-Schauspielerin Juliane Werner in der Pose des Industrieprodukts: ein Lehrstück in Sachen Entfremdung, eine Produktion des "forum stadtpark theater" in Graz
    foto: isa graf

    Jelinek-Schauspielerin Juliane Werner in der Pose des Industrieprodukts: ein Lehrstück in Sachen Entfremdung, eine Produktion des "forum stadtpark theater" in Graz

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