Deutsche Islamisten-Vereinigung "Kalifatsstaat"

19. September 2002, 14:40
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Seit Dezember 2001 verboten - Hatte Errichtung eines Gottesstaates in der Türkei zum Ziel

Berlin - Die extremistische Islamisten-Vereinigung "Kalifatsstaat" ist seit Dezember vergangenen Jahres in Deutschland verboten. Der Verband des als "Kalif von Köln" bekannt gewordenen Metin Kaplan galt bis dahin als eine der radikalsten Islamisten-Organisationen in Deutschland. Am Donnerstag wurde bekannt, dass das deutsche Innenministerium 16 weitere vermutete Teilorganisationen des "Kalifatsstaats" verboten hat. Im ganzen Land wurden verdächtige Einrichtungen durchsucht.

Der Verband und seine Untergliederungen richteten sich nach Ansicht des Innenministeriums in "kämpferisch-aggressiver Weise" gegen die verfassungsmäßige Ordnung und verstießen gegen den Gedanken der Völkerverständigung. Die Aktivitäten der bis zum Verbot rund 1.100 Anhänger des derzeit inhaftierten Kaplan gefährdeten laut Ministerium außerdem die Innere Sicherheit und die außenpolitischen Belange der Bundesrepublik Deutschland.

"Weltherrschaft des Islam"

Der "Kalifatsstaat" propagierte den Sturz des türkischen Staatssystems und die Errichtung einer islamischen Gottesstaates. Ziel war laut Innenministerium "die Weltherrschaft des Islam unter der Führung eines einzigen Kalifen".Die Organisation verstand sich den Angaben zufolge als Wiederbelebung des durch Kemal Atatürk 1924 in der Türkei abgeschafften "Kalifats". Als Mittel dazu wurde seit 1996 der Jihad, also der Heilige Krieg, beziehungsweise der "Befreiungskampf" durch die "Soldaten und Generalstabsmitglieder des Kalifatstaates" propagiert - falls erforderlich unter Einsatz des "Schwertes" und unter Inkaufnahme des Todes.

Die Organisation ging aus dem Verband der islamischen Vereine und Gemeinden (ICCB) hervor, der 1984 von Kaplans Vater Cemaleddin gegründet wurde. Im April 1992 rief Cemaleddin Kaplan, der als "Khomeini von Köln" Bekanntheit erlangte, auf einer Großveranstaltung in Koblenz den "Föderativen Islamstaat Anatolien" aus. Seine Vereinigung ging im März 1994 im "Kalifatsstaat" auf. Nach dem Tod Cemaleddin Kaplans im Mai 1995 übernahm sein Sohn Muhammed Metin die Führung des Verbandes. Kaplans Organisation finanzierte sich laut Verfassungsschutz aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Erträgen aus Immobilien. Schätzungen zufolge soll sie in den neunziger Jahren ein Vermögen in Millionenhöhe besessen haben.

Metin Kaplan wurde im November 2000 in Düsseldorf wegen Mordaufrufs an seinem Berliner Rivalen Halil Ibrahim Sofu zu vier Jahren Haft verurteilt. Sofu wurde im Mai 1997 von Unbekannten in Berlin erschossen. Die Türkei verlangt eine Auslieferung des "Kalifen von Köln". Die Justiz wirft ihm vor, 1998 einen Terroranschlag auf das Atatürk-Mausoleum in Ankara geplant zu haben. Nach der Abschaffung der Todesstrafe durch das türkische Parlament sind die Chancen für eine Abschiebung Kaplans gestiegen. Deutschland forderte von der Türkei bisher eine Garantie, dass der Islamistenführer nach einer etwaigen Abschiebung weder gefoltert noch hingerichtet werde. (APA)

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