Der "Herr der Streiks" verlässt Italiens stärkste Gewerkschaft

19. September 2002, 12:23
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Cofferati überlässt seiner "rechten Hand" das CGIL-Zepter - Neuer Generalstreik am 18. Oktober

Rom - Ein Wechsel findet am Freitag an der Spitze von Italiens stärkstem Gewerkschaftsverband CGIL statt. Am Höhepunkt seines Erfolgs, in einer Phase heftigster Spannungen mit der Regierung rund um die Aufweichung des Kündigungsschutzes, verabschiedet sich CGIL-Chef Sergio Cofferati am Freitag von seinem Arbeitnehmerverband. Nach acht Jahren an der Spitze der größten italienischen Gewerkschaft wird der 54-Jährige an seinen Arbeitsplatz beim Mailänder Reifen- und Kabelproduzenten Pirelli zurückkehren. Bisher war es in Italien noch nie geschehen, dass ein Gewerkschaftschef nach 26 Jahre Karriere wieder seine alte Arbeit aufnimmt.

"Ein Wechsel an der Spitze der Organisation ist für das Wohl des Verbandes notwendig", sagte Cofferati, der am Freitag seiner bisherigen "rechten Hand", Guglielmo Epifani, das CGIL-Zepter überlassen wird. Am Samstag wird er sich von 3.000 Gewerkschaftsdelegierten in Rom offiziell verabschieden. Der "Herr der Streiks", der mit seinen massiven Protestaktionen die Regierung Berlusconi stark unter Druck gesetzt hatte, bestritt heftig, dass er einen Einstieg in die Politik als Oppositionsvertreter plane, wie man in Regierungskreisen spekuliert.

Er werde sich an der Spitze der römischen Stiftung "De Vittorio" weiterhin um arbeitsrechtliche Themen kümmern, in die Politik wolle er im Gegensatz zu anderen seiner prominenten Kollegen wie der derzeitige Chef der altkommunistischen "Rifondazione", Fausto Bertinotti, nicht einsteigen. "Es ist immer ein Fehler, wenn ein Gewerkschaftschef in die Politik geht", so Cofferati kürzlich.

Zu den Erfolgen Cofferatis zählt der Generalstreik am 16. April gegen die Reform des Kündigungsschutzes. 13 Millionen Italiener hatten sich am achtstündigen Arbeitskampf beteiligt, der die Regierung Berlusconi stark in Bedrängnis gebracht hatte. Der Kampf gegen Berlusconis Arbeitsmarktreformen ist bis zuletzt Cofferatis Hauptziel geblieben. Als letzten Akt seines Mandates rief der gebürtige Turiner einen weiteren Generalstreik gegen Berlusconi am 18. Oktober aus.

Der CGIL-Vorsitz plant in ganz Italien Demonstrationen gegen die Auflockerung des Kündigungsschutzes, die die Regierung Berlusconi im Parlament über die Bühne bringen will. Im Gegensatz zum Streik im April wird die CGIL jedoch nicht mehr mit der Unterstützung der "Schwesterorganisationen" CISL und UIL rechnen können, da die Gewerkschaftsfront seit Juni gespalten ist. Die gemäßigteren Gewerkschaften hatten damals nach langwierigen Verhandlungen mit der Regierung einen "Pakt für Italien" unterzeichnet, der Maßnahmen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts enthält.

Der CGIL steht eine entscheidende Phase bevor. Vom Erfolg des Generalstreiks hängt die künftige Strategie des Arbeitnehmerverbands ab. Sollte Berlusconi dank seiner soliden parlamentarischen Mehrheit doch das umstrittene Projekt zur Revision des Kündigungsschutzes durchsetzen, will der Arbeitnehmerverband eine Volksabstimmung gegen die Reform in die Wege leiten. Cofferati hatte im Sommer Tausende von Unterschriften im Hinblick auf ein Referendum gesammelt. Seine Kampagne muss nun sein Nachfolger fortsetzen. Ob er dasselbe Charisma haben wird, um Berlusconi weiterhin unter Druck zu setzen, werden die kommenden Monate zeigen. (APA)

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    Sergio Cofferati

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