Gläubiger statt Aktionär

19. September 2002, 11:39
posten

Anleihen bieten Sicherheiten, die Aktien nicht besitzen. Hohe Renditen sollten aber nicht gleich zum Kauf verführen, denn sie spiegeln das immanente Risiko

In schwierigen Börsenzeiten, wenn die Volatilität der Aktienmärkte hoch ist und defensive Aktien nicht mehr genug Schutz gegen höhere Kursverluste bieten, sind es fast immer die Rentenmärkte, auf die sich die Anleger zurückziehen. Fixer Zinssatz und eine begrenzte Laufzeit bieten Sicherheit, die bei Aktien nicht zu finden ist.

Ratings

Doch Anleihe ist nicht gleich Anleihe. Und wer sich von hohen Zinssätzen blenden ließ, wurde bisweilen mit herben Enttäuschungen konfrontiert. Denn die Rendite einer Anleihe spiegelt das immanente Risiko, das entweder in der Bonität des Schuldners oder im Kursrisiko der Anleihe-Währung besteht, vielleicht sogar in beidem. Für die Bonität des Schuldners gibt das Rating, die Einstufung des Schuldners in einer vielstufigen Skala, die zuverlässigsten Anhaltspunkte. Wichtigste Ersteller solcher Bewertungen sind Standard & Poor's sowie Moody's Investors Service. Beide Systeme sind sehr ähnlich. Das dreifache A signalisiert außerordentlich hohe finanzielle Stabilität des Schuldners auf lange Sicht. Beim doppelten A könnten in ferner Zukunft Risken am Horizont auftauchen, die bei einem einfachen A schon etwas näher rücken.

Ein dreifaches B oder Baa zeigen noch immer gute Bonität an, doch könnten gewisse Schutzelemente fehlen oder auf längere Sicht nicht gewährleistet sein. Alle diese Anleihen bis zur Stufe BBB bzw. Baa gelten als "investment grade", also für auf ausreichende Sicherheit bedachte Investoren als unbedenklich. Darunter wird's kritischer. Ein einfaches B bietet wenig finanzielle Sicherheit für einen längeren Zeitraum und ein mit C beginnendes Rating verheißt generell wenig Gutes. Die Gefahr des Zahlungsausfalles ist hoch. Zusätzliche Ziffern geben weitere Zwischenabstufungen an, wobei 3 das untere Ende der Skala markiert. Bei Standard & Poor's wird diese Feinabstufung durch + oder - angezeigt. Unterlagen der Rating-firma Moody's zeigen übrigens, dass von den Zahlungsausfällen im Zeitraum 1983 bis 2001 knapp fünf Prozent ein Jahr davor in BBB oder besser eingestuft waren, weniger als ein Prozent sogar mit A oder besser.

Firmen, die in diesem Zeitraum Pleite gingen, waren typischerweise schon fünf Jahre vor dem Ausfall in der Kategorie Ba3 (entspricht BB mit negativen Aussichten) eingestuft. Dem Rating kommt also ziemlich hohe Aussagekraft zu. Anzumerken ist, dass "Pleite" nicht unbedingt Totalausfall bedeutet. Ausfall von Zinszahlungen wird bereits als "default" gewertet. Dabei ist es durchaus möglich, dass die Gläubiger später Teilzahlungen oder Umschuldungen erhalten. Generell sollte man aber Anleihen von BBB abwärts den Spezialisten überlassen. Sicherheitsaspekte spielten bisher insbesondere bei Unternehmensanleihen eine große Rolle. Unter dem Eindruck der jüngsten Krisen (Argentinien, Türkei, Brasilien) rücken bei Staatsanleihen ebenfalls Rating-Überlegungen wieder in den Vordergrund. Zum Beispiel werden mittelfristige Euro-Anleihen der Türkei mit B1 bewertet, während eine Bulgarien-Anleihe mit BB- klassifiziert wird. Das Rating kann je nach Laufzeit variieren. (Nikolaus Dolenz, DER STANDARD, Printausgabe 19.9.2002)

  • Ratings für die Bonität des Schuldners müssen genau angeschaut werden.
    foto: photodisc

    Ratings für die Bonität des Schuldners müssen genau angeschaut werden.

Share if you care.