Das Ende einer Schleuderfahrt

19. September 2002, 11:21
6 Postings

Zur medialen Wirkungsgeschichte eines politischen Selbstbetrugs: Wende-Bilanz eines ehemaligen Wende-Befürworters am Vorabend des offiziellen Wende-Endes. Von Christoph Landerer

Der Lotse geht von Bord, aber er verabschiedet sich nicht als Staatsmann; er lässt den von ihm höchstpersönlich abgetakelten Kahn auf Grund laufen.

Jörg Haiders neuerlicher Rückzug könnte von Dauer sein, denn der Nimbus des strahlenden Siegers ist dahin. Mit einer dann wohl endgültig in Auflösung begriffenen FPÖ ist politisch alles möglich, selbst Platz eins für die noch vor drei Jahren vom Absturz bedrohte ÖVP, selbst eine Koalition Schüssels mit Alexan-der Van der Bellen.

Der "Dämon" ...

Schüssels Projekt der "Zähmung" der FPÖ ist gescheitert, aber die "Zähmung" war von Anfang an nur eine der möglichen Optionen. Politisch ist Haiders Amoklauf alles andere als unverständlich, lediglich der Zeitpunkt kam überraschend.

Spätestens seit dem freiheitlichen Betriebsunfall Karl-Heinz Grasser hatte Haider nur die Wahl, die Entfernung der Regierungs-FPÖ von seinen Positionen hinzunehmen oder zu putschen - mit dem unerfreulichen Nebeneffekt, jeweils einen Teil der Anhängerschaft zu verlieren. Die versuchte Notbremsung war - Vorsicht, Aquaplaning! - riskant und endete im Crash.

Dass letzterer zur Unzeit geschah bzw. die üblichen Unterwerfungsrituale nicht mehr griffen, ist Größenfantasien oder einfach schlechtem Timing zuzuschreiben, der Vorgang selbst aber entbehrt keineswegs der Logik. Was hatte man dem Mann doch alles zugetraut und unablässig auf den Leib geschrieben: eine völlig neue Politik "jenseits von links und rechts", die Befreiung Österreichs aus den Fängen eines undemokratischen Systems, blühende Landschaften für die Anständigen und Tüchtigen oder - je nach Sichtweise - Machtübernahme plus Zerstörung des Rechtsstaats (wie das denn ginge? das werde man schon sehen), die "Haiderisierung" der Republik und letztlich Europas, eine "Wiederkehr des Verdrängten", die "Widerstand" in der Tradition des österreichischen Widerstands gegen Hitler notwendig mache etc. pp.

Nicht vom talentierten Populisten mit allerdings beschränktem Horizont war da die Rede, sondern vom Ausnahmemenschen, der politisch Berge versetzt und dem nur mit ehrfürchtigem Staunen oder kämpferischem Entsetzen zu begegnen sei. Ein feuriges Wort aus dem Mund des Bärentalers und die Republik stand in Flammen.

In einem Punkt waren sich Haiders schärfste Kritiker und seine glühendsten Verehrer schon immer auf wundersame Weise einig: in der maßlosen Überschätzung der politischen Möglichkeiten des Kärntner Heißläufers und erfolgreich globalisierten Polit-stars. Peinlich, dass der solcherart Überhöhte sich letztlich weder als Dämon noch als Heiland entpuppt, sondern als Komiker und politisches Stehaufmännchen, das heute schon weg, morgen wieder da ist und schließlich schlicht die Nerven wegschmeißt.

... als Komiker

Die Freiheit, die er meinte, war 16 Jahre lang eine Freiheit von störenden politischen Festlegungen: Flat Tax und "kleiner Mann", Deutschnationalismus und Österreichbewusstsein, Amerikanisierung und Traditionsverhaftung, Antiklerikalismus und "wehrhaftes Christentum", und und und.

Und es waren nicht die österreichischen Rassisten und Vergangenheitsbewältigungsverweiger, die sein Geschäft besorgten, sondern die Medien, vorgebliche und tatsächliche Intellektuelle - und die nüchternen strategischen Interessen der Mächtigen. Solange die mediale Aufmerksamkeit sich auf die "Sager" konzentrierte, war die freiheitliche Welt in Ordnung. Das weitgehende Ausbleiben programmatisch-inhaltlicher Kritik sicherte der FPÖ satte Stimmenzuwächse - und der SPÖ den Machterhalt. Dieser nämlich ließ sich am leichtesten über die Dämonisierung der Haider-Partei erreichen, und dafür kamen die notorischen Bärentaler Entgleisungen gerade recht.

Rechtsradikal?

Unter die Räder geriet dabei die ÖVP, die sich als ewiger Juniorpartner nicht profilieren konnte und politisch zwischen Groß- und Kleinkoalitionären zerrissen war.

Die von Haider transportierten Anliegen freilich waren in Teilen ebenso berechtigt wie das Kalkül seiner Wähler rational. Nicht das omnipräsente Ausländerthema war der primäre Stimmenbringer der FPÖ, sondern der Themenkomplex Günstlingswirtschaft-Privilegien-Proporz. Und wer hier seinen politischen Interessenschwerpunkt hatte, der war mit der Haider-Wahl gut beraten. Denn diesen Bereich hatten nicht die Grünen und schon gar nicht das LiF besetzt, sondern eben die FPÖ - völlig ungeachtet der Frage, wie die eigene Mannschaft sich im Regierungsfall wohl gebärden würde.

Auf freiheitliche Zugewinne folgten die geforderten Reformen in der Nationalbank, die Aufrückung auf Platz zwei wurde mit der hektischen Unterzeichnung eines "Anti-Proporz-Papiers" belohnt. Signal nach außen: "Haider wählen zahlt sich aus." Und so wäre es munter weitergegangen - bis zur Unregierbarkeit.

Bei so viel "Reformwillen" helfen nur simple Gott-sei-bei-uns-Analysen, und an denen herrschte dann ja auch kein Mangel. Tatsächlich war die FPÖ aber entgegen der veröffentlichten Meinung keine rechtsradikale Partei, sondern - wie Politologen ohne den für Österreich typischen Tunnelblick natürlich wussten - eine Mischung aus vielem: rechts, populistisch mit "radikalen Elementen", neoliberal, Protestpartei, und nur in dieser Mischung erfolgreich. Ihre saftigsten Ernten fuhr sie nicht dank Rassismus und NS-Nostalgie ein, sondern als äußerst effektives Sprachrohr des Protests gegen die tatsächlich unwestlichen Zustände in Österreich.

Auch die aktuellen Auflösungserscheinungen beweisen nicht, dass das Parteivolk "eins mit Haider" ist - wie man erst vor wenigen Tagen in der Zeit zu erkennen glaubte -, sondern dass der Riss sich längst bis zur Basis hinunterzieht. Und wenn die politische Entwicklung der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte überhaupt irgendetwas beweist, dann nur, dass sich selbst gegen Fakten so lange anschreiben lässt, bis diese unter dem Wust an veröffentlichter Meinung verschwunden sind.

Dass der thematische Dauerspagat so reibungslos funktionierte, kann nach all dem niemanden verwundern. Dauer war der Veranstaltung jedoch nur beschieden, solange zwei Voraussetzungen erfüllt waren: eine infolge Zwangsopposition institutionalisierte Nichteinlösung aller programmatischen Ansagen und ein kritischer Overkill, der die politische Auseinandersetzung in Übertreibungen verpuffen ließ.

Beides hat erst Wolfgang Schüssel beendet, indem er den Heißläufer im eigenen Saft schmoren ließ. Das Schweigen des Schweigekanzlers war Gold. Nun wird es darauf ankommen, die heißen Eisen tatsächlich anzupacken - bevor ein anderer Heißläufer sich ihrer annimmt. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2002)

Kommentar der anderen

Der Autor ist Psychologe und Publizist; er arbeitet zurzeit an einem Forschungsprojekt der Universität Toronto, Kanada.

Share if you care.