Meister Lampe

22. September 2002, 23:55
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Mit revolutionärem Leuchtendesign wurde Ingo Maurer längst zur Lichtgestalt der internationalen Designszene

Jede Szene hat ihre Sprache. Von Lampen jedenfalls hört man Fachverkäufer in Lampenläden nie sprechen. Sie verkaufen Leuchten, die, ergänzt durch Leuchtmittel, Licht verbreiten - auch wenn Laien beharrlich von Glühbirnen sprechen, die leuchten. Nur ein Fachmann, der Münchner Designer Ingo Maurer, weigert sich standhaft, das exaltierte Leuchtenlatein der Lampenfachverkäuferszene zu verwenden. Er gestaltet Lampen. Fertig. Aber auch das ist nicht ganz richtig. Eigentlich gestaltet er Licht. Und um das Durcheinander nun vollständig zu machen, kann es schon einmal sein, dass das Licht einer Leuchte von Maurer aus einem Körper strahlt, der aussieht wie eine Glühbirne und in dessen Inneren sich eine zweite Glühbirne verbirgt, das Leuchtmittel: Die Leuchte Bulb, 1966 entworfen, war Maurers Einstieg ins Lichtgeschäft. Und mit ihr zeigte er, ohne es wirklich zu wollen, dass Design intelligent reduzieren kann und dass Ironie keineswegs fehlen muss.

Maurer allerdings allein auf Ironie festzulegen greift zu kurz. Das würde ein Konzept voraussetzen, einen Plan. Den hat er nicht. Auch Bulb war eher ein Zufall. Ein Exemplar hat er gebaut, es Freunden gezeigt, und sofort haben zehn Leute die leuchtende Glühbirne im Überformat bestellt, weitere Order folgten. Das Produkt ging in Serie. Bald ergänzte er die Bulb um die Giant Bulb, variierte die Idee 1967 mit einer Spirale als Fuß und nannte die Lampe schlicht Spirale. So kommt eins zum anderen. Ohne Planung, ohne erkennbare Strategie. Starres und Steifes ist seine Sache nicht. Allerdings hatte er 1966 eine Absicht, als er sein Studio "Design M" gründete. Er wollte Plakate gestalten. Das hatte er in München gelernt, vier Jahre lang, von 1954 bis 1958. Dort studierte er Grafikdesign und ging nach seinem Studium in die USA.

In New York und San Francisco schlug er sich als freier Designer durch, lernte von den Amerikanern, sich durchzusetzen. Noch heute ist ihm seine Internationalität wichtig, bisweilen denkt er englisch, spricht plötzlich gebrochenes Deutsch. Auch seine Arbeiten fanden insbesondere im Ausland sehr früh Anhänger, etwa in Italien - nicht in München, dessen gemütliche Bürgerlichkeit ihn nicht gerade vereinnahmt. In Italien hingegen verstand man sich schon immer etwas besser auf seine entspannte Leichtigkeit, geißelt bis heute Fröhlichkeit nicht sofort als verantwortungslos.

Maurer macht die Dinge eben, wie er sie empfindet. Aus dem Bauch heraus. Da kann auch Zufall schnell die Oberhand gewinnen. Die Lampe Bibibibi ist so ein Produkt. Maurer war zu einer Hochzeit eingeladen, wollte sein Auto mit einem Storch aus Plastik schmücken. "Ich fand das lustig", sagt er. So zog er los, bei Woolworth ein solches Federvieh zu kaufen. Nur hatten die keine vollständigen Tiere mehr, nur noch die roten Beine, aber für dieses Teilprodukt partout keinen Preis. Kurzerhand hat er die Beine geklaut. Zuhause angekommen, hat er einen kleinen Lampenschirm darauf montiert, einen Draht angebracht, an dem eine Feder wackelte. So erblickte Bibibibi 1982 das Licht der Welt. Sicher das exakte Gegenteil guten Industriedesigns. Das rühmt sich ja stets seiner Materialgerechtigkeit, kennt die richtige Form angeblich festgelegter Funktionen, weiß Langlebigkeit und Dauer herzustellen und was der abstrusen Kriterien mehr sind.

Dennoch hat auch Ingo Maurer zehn Jahre zuvor von den Hütern der guten Form eine Auszeichnung erhalten. 1972 verlieh ihm der Rat für Formgebung einen Designpreis. In klassischer Designrhetorik lobte die Jury seine Lampe "Dangler" von 1970: "Die Mantellinie des Reflektors ist eine als Werkform wie als Zweckform überzeugende Kurve." Applaus!

Ob er darüber heute noch lachen kann? Lustiger findet er sicher die Namen seiner Lichtspender aus den 80er-Jahren. Da gibt es ein Objekt mit dem Titel "Lampampe". Ein klassischer Schirm, befestigt auf einem zerknitterten Zylinder aus Papier. Oder "Willydilly". Ein ganz dem demokratischen Zeitgeist der 80er verpflichteter Entwurf, bei dem Gestalter und Benutzer gemeinsam die endgültige Form finden: Der gedrehte Papierschirm lässt sich stauchen und strecken, ist einmal lang, einmal breit und wird nur durch eine Klammer gehalten. Und dann die Stehlampe "One From The Heart": ein leuchtendes Herz mit einem herzförmigen Spiegel darüber, schwebend von den stromführenden Drähten getragen. Hart am Kitsch entlang.

Maurer trägt das Risiko der Produktentwicklungen, der Produktion und der Vermarktung selbst. Er verdient aber nicht an allem, denn viele seiner Ideen werden radikal kopiert. Allen voran ein Entwurf von 1984, das Niedervolt-Halogen-System "YaYaHo". Es ist der Vorläufer aller heute in Baumärkten verramschten Niedervolt-leuchten, die an zwei gespannten Drähten in zahllosen Varianten kleine Strahler baumeln lassen. So viel Leichtigkeit war noch nie im Licht. Das brachte Maurer den Durchbruch in kulturellen Ausstellungen. Zwar waren schon einige seiner Objekte im Museum of Modern Art in New York gelandet, aber mit seiner Ausstellung im Pariser Centre George Pompidou 1985 begann ein bis heute nicht endender Marathon von Ausstellungen. Auch wenn er in den vergangenen zehn Jahren weitere Leuchten mit ironischer bis poetischer Qualität auf den Markt gebracht hat - viel beachtet die mit Flügeln ausgestattete Glühbirne "Birds Birds Birds" oder die an Drähten wippenden Briefe, genannt "Zettel'z" - sein Arbeitsfeld hat er deutlich erweitert.

Inzwischen illuminierte er etwa eine Modeschau für Issey Miyake oder entwickelt Beleuchtungskonzepte für dessen Showroom in London. Im kommenden Jahr soll der Airport von Toronto nach seinen Ideen bereichert werden. Geplant ist eine Installation aus Wasser, Licht und Bewegung. Trotz seines Alters, er wurde im Mai dieses Jahres 70 Jahre alt, ist er jünger und frischer als die meisten Berufsjugendlichen auf den Möbelmessen in Mailand und Köln. Dort zeigt er sich zwar auch regelmäßig, liebt jedoch die Designszene, der er auch schon einmal einen Heiligenschein verpassen wollte, nicht sonderlich. Aber er sieht sich um. Und wenn er nicht gerade den Innenraum der Deutzer Brücke in Köln mit einem Lichtspektakel in Szene setzt, so zieht er von einer zur nächsten Veranstaltung, wo die jungen Designer sich dem Handel empfehlen - und vermisst jegliche Provokation. Alles, so sagt er, sei heute auf Sicherheit ausgelegt, sei auf ganz ordent- lichem Level, aber insgesamt höchst mittelmäßig. Das exakte Gegenteil seiner Arbeit. (derStandard/rondo/Knuth Hornbogen/20/9/02)

Die Ausstellung "Ingo Maurer - Light reaching for the Moon" wird vom 2. 10. 2002 bis 10. 8. 2003 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen sein.
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